Die Sattelzüge können vom Großmarkt nur über den Ring zur Autobahn gelangen und fahren rund um die Uhr überirdisch durch Sendling. © Achim Schmidt
Wohnen statt Gemüse? Zwischen Traditionsstandort und Zukunftsvision steht eines der größten innerstädtischen Entwicklungsgebiete Münchens zur Debatte: das 26 Hektar große Areal rund um die Großmarkthalle in Sendling. Nachdem ein geplanter Umbau gescheitert ist, stellt sich nun die Frage, wie es mit dem Gelände weitergehen soll. Bleibt der Großmarkt an seinem Standort in Sendling Herzstück der städtischen Lebensmittelversorgung – oder entsteht hier ein neues, gemischtes Stadtquartier mit Wohnungen, Gewerbe und einem denkmalgeschützten Kern?
Bei der Podiumsdiskussion „Großmarkt neu denken“ am Dienstagabend tauschten sich Grünen-Stadträtin Anja Berger, Jörg Sailer vom Bayerischen Fruchtverband, der Architekt Günter Meyer und Dagmar Irlinger aus dem Sendlinger Bezirksausschuss mit Bürgern aus. Über die Unverzichtbarkeit eines Großmarktes für die Versorgung von Wochenmärkten, Gastronomie und Einzelhandel bestand große Einigkeit.
„Der nächste vergleichbare Großmarkt wäre erst in Verona“, sagt Jörg Sailer vom Fruchtverband bei der Diskussionsrunde. „Wir wollen einen zusammenhängenden Großmarkt, doch ich kenne keinen einzigen Händler, der sagt, ohne den Standort Sendling geht es nicht.“ Ihm und seinen Kollegen wäre ein Neubau der Großmarkthalle in der Nähe einer Autobahn vor den Toren Münchens am liebsten. Sendling sei schlecht mit dem Lkw zu erreichen und logistisch inzwischen eine echte Herausforderung. Warum das bisher von niemandem so klar geäußert wurde, erklärt er damit, dass die Händler Angst hatten, am Ende komplett ohne Großmarkt dazustehen, wenn sie den Standort ablehnen, ohne dass ein neuer gefunden wurde.
Inzwischen sehen die Stadtratsgrünen auf dem Areal in Sendling eher Wohnungen. „Ich träume von einem gemischten, nachhaltigen Quartier. Das wäre eine große Chance, weil das hier alles städtische Flächen sind“, sagt Anja Berger. Gleichzeitig könnten die Gebäude, die unter Denkmalschutz stehen, für den Handel genutzt werden. Dafür plädiert auch die SPD-Fraktion im Rathaus: „Für die Menschen vor Ort ist der Großmarkt identitätsstiftend – dieses Flair würden wir gerne erhalten, etwa durch Weiternutzung der denkmalgeschützten Halle mit einem kleineren Marktbetrieb.“ Mit einer solchen Lösung könnte auch die Münchner Tafel vor Ort bleiben. Sie gibt dort viermal die Woche Lebensmittel aus.
Die Münchner CSU will auf jeden Fall eine zügige Entscheidung. „Sonst sind die Händler weg“, sagt Andreas Babor, kommunalpolitischer Sprecher der CSU-Fraktion im Stadtrat. Er weist auf die Bedeutung des Standorts Sendling als Handelsplatz und auf die vielen Arbeitsplätze vor Ort hin. „Wir legen den Fokus darauf, dass der Großmarkt als Ganzes erhalten bleibt. Wenn sich ein besserer Standort außerhalb findet, ist das auch in Ordnung.“
„Wir Händler brauchen einander“, sagt Sailer. „Letztendlich ist es wie in einem Einkaufszentrum, das lebt auch von der Vielfalt. Zudem arbeiten wir mit kleinen Margen, die Miete in einem teuren Innenstadt-Neubau können wir uns nicht leisten.“GABRIELE WINTER