Prinz Ludwig von Bayern (re.) hat den Film „Nawi“ mit Kevin Schmutzler gedreht. Michelle Ikeny (Foto re.) spielt Nawi, das Mädchen, das zur Ehe gezwungen wird. © Astrid Schmidhuber, Filmcrew Media
Er kennt Kenia wie kein zweiter Europäer: Ludwig Prinz von Bayern gründete für junge Menschen die „Learning Lions“. Dort, in dem Landstrich Turkana, erlebte der 43-Jährige immer wieder, dass Mädchen zwangsverheiratet werden, verkauft für eine Herde Ziegen. Die Mädchen müssen hart arbeiten, werden oft schwanger, viele sterben. Eine menschliche Katastrophe, die Prinz Ludwig mit dem Film „Nawi“ und der damit verbundenen Initiative stoppen will. Im März startet der Film im Kino. Ein Gespräch mit Ludwig Prinz von Bayern und Filmemacher Kevin Schmutzler (35) in Schloss Nymphenburg.
Die Geschichte der 13-jährigen Nawi, die für 100 Ziegen zwangsverheiratet wird, beruht auf einer wahren Begebenheit?
Prinz Ludwig: Auf einer Geschichte, die täglich in Turkana passiert. Milcah Cherotich, die die Geschichte geschrieben hat, hat eine Schwester, die zwangsverheiratet wurde. Es ist nicht eins zu eins ihre Geschichte, die ehrlicherweise noch dramatischer war, sondern es fließen auch andere Erfahrungen ein. Dieses Thema ist bei Schülerinnen sehr präsent. Sie alle stellen sich die Frage: Wie gehe ich mit der Kultur um, die nicht mehr in die moderne Welt passt?
Wie ist die Situation jetzt?
Prinz Ludwig: Ich bin vor wenigen Tagen wieder aus Kenia zurückgekommen und habe erneut von vielen Fällen gehört. Es hat sich nicht gebessert. Und auch wenn die Kinderehe verboten ist: Die Polizei, die Regierung sind sehr weit weg in diesen Orten.
Sie greifen dann ein?
Prinz Ludwig: Wenn man von einem Fall hört, ist es ja nicht damit getan, mit dem Auto vorzufahren und das Mädchen rauszunehmen. Denn was passiert dann? Sie brauchen eine Schulausbildung und eine weitere Ausbildung, denn die Jugendarbeitslosigkeit ist riesig. Man benötigt viele Ressourcen, aber ich halte es für eine extrem wichtige Investition, sonst wird das Problem mit jeder Generation größer. Die Kinderehe muss einfach weg.
Wie gehen Sie vor?
Prinz Ludwig: Gerade die Väter muss man zum Umdenken bringen und ihnen Lösungen zeigen, denn jedes Mädchen ist eine Arbeitskraft, ein wirtschaftliches Gut, das man verkaufen kann. Mit unserer Initiative gehen wir in die Gemeinden, fordern die Eltern auf, die Kinder in die Schule zu schicken, und sagen: Wir zahlen Euch die Ausbildung, vielleicht sogar ein Taschengeld für die Familie. Und jedes Mädchen, das in die Schule geht, lässt sich nicht mehr als Gebärmaschine missbrauchen. Die Kultur wird damit auch nicht untergehen, sondern florieren – das ist eine wichtige Botschaft des Films.
Sie zeigen den Film auch in Kenia?
Kevin: Der Film ist ein starkes Instrument, um erste Dialoge zu führen. Wir haben mit einer weiteren Organisation einen Jeep und einen Projektor gekauft, um den Film in den Dörfern zu zeigen. Milcah hilft uns dabei. Es gibt erste Erfolge: Einige Männer haben ihre Meinung bereits geändert.
Prinz Ludwig: Milcah ist auch die Botschafterin der Kampagne, denn es dürfen keine weißen Männer sein. Überhaupt wollen wir keine White-Savior-Story. Ich stelle den bayerischen Bezug her, aber es sind Milcah und Michelle, die die Initiative „Nawi“ vorantreiben.
Wie sind Sie auf die Hauptdarstellerin gekommen?
Kevin: Wir wollten ein Kind von dort, das die Situation kennt und weiß, wie es ist. Wir sind an alle Schulen gefahren, die man mit dem Auto erreichen konnte. Und dann kamen wir an die Queen of Peace.
Prinz Ludwig: Das ist eine Mädchenschule, die ich 2012 (mit dem Hilfsverein Nymphenburg und Sternstunden, Anm.) gegründet habe. Wir haben dort zwei Mädchen gefunden: Die eine, Michelle, wurde dann Nawi. Auch weil sie, als die Dreharbeiten begannen, noch kindliche Züge hatte. Das macht die Botschaft des Films noch viel härter.
Kevin: Michelle ist extrem talentiert. Sie hat für „Nawi“ den afrikanischen Filmpreis bekommen. Insgesamt haben wir bisher 25 Festivalpreise gewonnen.
Wie waren die Dreharbeiten?
Kevin: Herausfordernd. Die Insel im Tukana-See gibt es wirklich, da leben nur Fischer, nur Männer. Auf diese Insel zu kommen ist schon ein Abenteuer. Während der Überfahrt ist uns das Benzin ausgegangen, es gab kein Licht, wir haben uns in einem Fischernetz verheddert. Und dann mussten wir die Szenen im Kasten haben, bevor die Sonne unterging. Später sind wir im ausgetrockneten Flußbett mit unserem Jeep stecken geblieben.
Prinz Ludwig: Das ist furchtbar mühsam. Man muss den kompletten Motor ausbauen, säubern und wieder zusammensetzen.
Werden Sie akzeptiert?
Prinz Ludwig: Ich will nicht, dass der Film ein falsches Licht auf den afrikanischen Kontinent wirft. Es ist kein Herunterschauen, sondern wir respektieren Afrika als extrem diversen Kontinent, wo es großartige, entwickelte Regionen gibt, aber auch noch Problemzonen. Wir begeben uns auf Augenhöhe, wir reden mit den Menschen, wir fühlen uns ein. Unser Ziel ist klar: Möglichst viele Menschen sollen den Film sehen, denn wir brauchen eine globale Kampagne, um Mädchen zu retten. Ich finde, jeder, der den Film sieht, wird emotional berührt. Das macht mit Menschen etwas.
Was macht es mit Ihnen?
Prinz Ludwig: Man wird richtig wütend. Und man gewöhnt sich nie daran.
INTERVIEW: MARIA ZSOLNAY