MÜNCHNER FREIHEIT

Vorstadthelden auf Marsmission

von Redaktion

In wenigen Tagen sind Kommunalwahlen und, liebe Familie, falls ich am Sonntag nach der Wahl nicht mehr zu Hause auftauche, schaut mal im Wahllokal nach – es könnte gut sein, dass ich mich versehentlich in die 20 Quadratmeter Wahlzettel hineingefaltet habe und hilflos in einem Papierball über den Boden der Klasse 4a rolle. Bitte befreit mich, bevor die 4a mit mir Fußball spielt!

Ansonsten natürlich: Glückwunsch an alle, die gewählt wurden und vor allem an jene, die ehrenamtlich neben Job, Familie, Hund, Katze, Maus noch Politik machen und Verantwortung übernehmen. Das ist ein sehr ernsthaftes Wort und bei „Verantwortung übernehmen“ muss man so grimmig und entschlossen schauen, als würde man die Expedition zum höchsten Punkt der Antarktis leiten, aber es stimmt halt: Macht nicht immer Spaß, aber irgendeiner muss sie halt nehmen, die Verantwortung.

Ich übernehme am liebsten Verantwortung für Dinge, die ich gut kann, ob in der Arbeit oder daheim. Zum Beispiel halte ich mich für einen guten Freistoßschützen (ohne jegliche Praxis) oder ich übernehme jederzeit die Verantwortung für Nudelsaucen, Baumschnitt und sonstige Gewächse, zum Beispiel Kinder. Allerdings gibt es auch manches, bei dem ich ungern Verantwortung übernehmen würde. Zum Beispiel auf 5000 Metern Höhe bei der Klettertour Haken setzen und fröhlich nach unten rufen: „Keine Sorge, der hält, da könnt ihr euer Auto dranhängen!“

Man muss eben wissen, für was man Verantwortung übernimmt oder nicht. Ein aktuelles Beispiel ist das Aufziehen einer neuen Schutzfolie auf das eigene Handy. Ich halte Menschen, die das hinbekommen ohne schrecklich nervös zu sein, für Herkulesse oder mindestens Herkuläuse oder wie der Plural auch immer ist. Müsste ich jemals Menschen für eine Marsmission auswählen, ich würde sie immer fragen: „Machen Sie gerne Schutzfolien auf Handys? Gelingt es Ihnen, dass die Folie keine Blasen wirft?“ Wer da sagt „Yes, Sir, ich liebe das“, ist hart genug, auch in einem Mars-Sandsturm ein Biwak zu bauen.

Zum Glück habe ich so einen, meinen Sohn. Jetzt war es wieder so weit, Schutzfolien-Wechsel-Zeit. Nervös wie bei einem Krimi zog ich mir die Decke übern Kopf und schaute aus einem kleinen Spalt mit halb geschlossenen Augen zu, während mein Sohn in Seelenruhe Verantwortung übernahm: alte Folie runter, neue Folie blasenfrei aufgezogen. Unglaublich.

Wenn mein Biograf sich einmal im Jahr 2079 an mein Bett setzt, werde ich stolz sagen: „Ich hatte einmal eine der ersten Mass auf der Wiesn, meine Frau und meine Tochter sind die coolsten Socken der Welt und ich habe einen Sohn, der Schutzfolien auf Handys kleben kann.“ Dann werde ich sagen: „Ich könnte ihn eigentlich mal anrufen.“ Und nach ein paar Sekunden steht die Verbindung zum Mars. „Hallo Papa, gerade Sandsturm, ich meld‘ mich später!“

Gutes Gelingen, liebe neuen Kommunalpolitiker, in den Stürmen der Gegenwart auf der guten alten Erde.

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