Das Haus mit der Adresse Leopoldstraße 77 ist eines der bekanntesten Jugendstil-Bauten des Architekten Martin Dülfer. Er selbst wohnte dort, genau wie „Biene Maja“-Erfinder Waldemar Bonsels, Volkssängerin Bally Prell – und der Chef der Pantherbande, Hugo W.
Autor Martin Arz im Münchner Stadtarchiv. © M. Schlaf
Beweisstücke beim Prozess gegen die Pantherbande.
Acht Panthern wird 1953 der Prozess gemacht: Banden-Chef Hugo W. (heller Mantel) muss 20 Jahre ins Gefängnis. © Staatsarchiv/Stadtarchiv (2)
München – eine Gangster-Stadt? Was Al Capone für das Chicago der 1920er ist, ist die Pantherbande für das Nachkriegs-München. Kopf der Kleinkriminellen ist Hugo W., ein größenwahnsinniger Musterschüler und Pfadfinder. Im zarten Alter von 13 spielen er und seine Freunde 1943 noch „Winnetou“ im Kinderverschickungslager Aindling, zurück in München aber begehen sie mehrere Morde.
Am 30. April 1945 nehmen die Amerikaner München ein. Die Bomben haben von 60.000 Gebäuden nur 1270 unversehrt gelassen. „Die Befreiung bedeutet das Ende der Schreckensherrschaft und der Bombennächte, aber auch jeder Ordnung“, sagt Martin Arz, Autor des Romans „Stadtpanther – Vom Pfadfinderclub zum Verbrechersyndikat“ (Hirschkäfer-Verlag). „Im Überlebenskampf in den Ruinen gilt keine Moral. Bis es ab 18. Juli wieder eine Polizei gibt, geschehen 421 Morde – und das sind nur die, die bekannt sind.“ Zu 470.000 teils obdachlosen Münchnern gesellen sich über 200.000 Heimatvertriebene, Displaced Persons, Enteignete, ehemalige KZ-Häftlinge und Kriegsheimkehrer. Durch dieses Chaos streifen die Panther. „Ihre Geschichte ist Stadtgeschichte“, sagt Arz.
Im Stadtarchiv liegen Originalquellen zur damaligen Zeit sowie zum Leben einiger Bandenmitglieder. Arz blättert durch die Akte „Schwarzer Markt 1945/50“ mit den Sicherheitsberichten, die damals der Militärregierung und später dem OB vorgelegt worden sind. „Der Schwarzmarkt war für die meisten überlebenswichtig: Dollar oder Zigaretten gegen Nahrung. Die Reichsmark war wertlos und die Lebensmittelrationen zu knapp.“ Auf dem Papier gelten 15 Gramm Fleisch, 9 Gramm Zucker, 125 Milliliter Magermilch, 17,5 Gramm Fett und 9 Gramm Käse als Tagesration pro Kopf. 1946 wird die auf 1275 Kalorien gesenkt, 1947 auf 935. „152 Reichsmark waren Durchschnittslohn. Eine Zitrone kostete 25 Reichsmark.“
Wie im Kinderverschickungsheim geschworen, halten die Blutsbrüder in der Krise zusammen. Hugo W., 15 Jahre alt, Albrecht S. und drei weiteren Halbstarken sind kleine Diebstähle bald nicht mehr genug. 1946 überfallen sie eine Großtankstelle an der Brienner Straße. „Sie wollen ein Auto klauen und reich werden“, sagt Arz. „Doch als der Überfall schiefgeht, zwingt Hugo eins der Mitglieder, Albrecht hinzurichten, weil er ihn für einen Spitzel der Amerikaner hält.“ Kurz darauf stellt die Militärpolizei die Panther unter Arrest – wegen kleinerer Delikte, nicht wegen des Mordes. Albrechts Leiche liegt im Schutt verscharrt.
Zwei Jahre später sind alle wieder frei – und gründen den Geheimbund zu acht neu. Hugo W. will 1,5 Millionen Mark zusammenrauben und in Aktien und Grundstücke anlegen. „Die Satzung verpflichtet alle ihm gegenüber als Führer zu Gehorsam: Auf Verrat steht der Tod“, sagt Arz. Der Tod seines Vaters bei einem Bombenangriff 1943 soll W. stark verändert haben. „Er trug brutale Züge um den Mund, heißt es“, sagt Arz. Um nicht aufzufallen, verpflichtet der Maurergeselle jedes Mitglied zu einer anständigen Arbeit. Nebenbei bespitzeln sie Banken, Geldtransporter und Lotto-Stellen.
1951 ersehnt die Bande große Coups. Zuerst überfällt sie Martin Plenagl, Kassenbote des Hauptzollamts am Botanischen Garten. Er wird durch einen Schuss schwer verletzt. Der erbeutete Geldkoffer entpuppt sich als leer. Der Doppelüberfall im Oktober soll besser laufen: In einer Pension am Geiselgasteig erbeuten die Panther zwar nur läppische 320 Mark, nehmen danach aber Gärtnermeister Matthias Augustin ins Visier. Der Onkel des Panthers Erich R. soll daheim in Harlaching 10.000 Mark lagern. Im Gerangel löst sich ein Schuss. Der 70-Jährige stirbt.
„So skrupellos die Bande auch vorgeht, jeder Coup endet im Desaster“, erklärt Arz. Fünf Tage später versucht Erich R. sich auf einer Kinotoilette umzubringen. Drei Kugeln reichen nicht, sodass er im Krankenhaus auspackt. Die Liste der Anklagepunkte ist lang: drei Morde, zwei versuchte Morde, schwere Raubüberfälle und räuberische Erpressung. Der dritte Ermordete ist übrigens ein abtrünniger Panther: Die Leiche von Alois L. verscharrten sie 1949 in den Isarauen.
Hugo W. nimmt 1953 vor dem Landgericht München I. alle Schuld auf sich. Mit nur 21 Jahren kommt er lebenslang ins Zuchthaus Straubing. Nur 20 Jahre später begnadigt ihn Ministerpräsident Alfons Goppel. Der brutale Ganove von einst hat inzwischen eine Buchdruckerlehre und die Fachhochschulreife am Telekolleg absolviert. Es heißt, mit der Note 1,1 als Bayerns Jahrgangsbester.CORNELIA SCHRAMM