Um schon am frühen Morgen verkatert zu sein – und das, ohne dass man auf dem Nockherberg war –, reicht manchmal eine einfache Frage. Mustergültig hat das vor Jahren eine Kollegin geschafft, als sie mich morgens unvermittelt fragte: „Martin, bist du eigentlich glücklich?“ „Äh, ja klar“, sagte ich reflexhaft, aber die Frage blieb deutlich länger im Kopf, als wenn sie gefragt hätte: „Gibt es heute Schnitzel in der Kantine?“ Nun hat sich mein Sohn Platz 2 gesichert in der Hitliste mit dem Titel „Fragen, die morgens verstörend wirken können“.
Seine Frage am frühen Morgen zwischen Brotzeitschmieren und Kaffeekochen war: „Papa, was ist eigentlich deine Mission?“ Zum Verständnis: Er liest im Moment für Kinder geschriebene Biografien großer Abenteurer. Beispiele: Kolumbus, der den Mast hochsteigt und ruft „Da vorn ist Indien!“, Alexander der Große, der vor der Schlacht von Issos seine Leute anstachelt. Hmm, und dann der Vater, der planlos im Schlafanzug durch die Küche stolpert? Da kann man schon mal fragen. Ich antwortete: „Danke für die Frage, meine Mission ist es gerade, meine Kaffeetasse zu finden.“ Die Nachfrage: „Das ist Deine Mission? Eine Tasse zu suchen?“
Der Gedanke ließ mich nicht los: Was ist meine persönliche Mission? Soll auf meinem Grabstein nur stehen: „Unvergessen für das planlose Suchen seiner Tasse“? Oder gibt’s da mehr?
Gedankenschwer ging ich abends zum S-Bahnhof, und dort fand ich sie, meine Mission: Reisen und Träumen von Reisen. Ich hatte die S-Bahn in die Stadt verpasst und 20 Minuten nichts zu tun. Also testete ich den neuen Fahrkartenautomaten: Von Geltendorf zum Flughafen, von links unten nach rechts oben, wie lang braucht man da mit der S-Bahn? Der Automat wusste es: 1 Stunde 40 Minuten! Und von Mühldorf nach Herrsching nur mit Bussen: 5 Stunden 11 Minuten. Acht Busse.
Das nächste Level, Europa! Ich gab „Wien“ und „Rom“ ein und druckte den Fahrplan aus, ich gab „Madrid“ und „Berlin“ ein und lernte, dass man 26 Stunden mit dem Zug braucht und beim Umstieg in Perpignan auf Gleis 4 ankommt. Ich klickte mich im Reisedatum bis ins Jahr 2036 vor: Wie komme ich am 10.3.2036 von Palermo nach Helsinki? Der Automat dachte nach, er schien zu schnaufen, das war zu viel für ihn: „Fahrplanauskunft nicht möglich“. Ich änderte auf 10.3.2026, heute: Der Zug startet um 12.55 Uhr in Palermo, Umstieg morgen in München um 14.52 Uhr, Freitag, 10.30 Uhr, ist man in Helsinki. Man? Oder: ich?
Die S-Bahn kam, der Automat blieb zurück mit all meinen Reiseträumen, nächster Halt Laim, nicht Lissabon. Wer eine neue Mission braucht, weil er kein Oberbürgermeister wird – demnächst Dieter oder Dominik –, gehe zu einem Fahrkartenautomaten der MVG und träume sich weg: Von der Donnersbergerbrücke in die weite Welt, ich komme mit! Das würde auch der TÜV als „Mission“ anerkennen. Und an guten Tagen auch mein Sohn.