MÜNCHNER FREIHEIT

Strawanzen mit Anna

von Redaktion

Im ersten Moment klingt die Versuchsanordnung banal: Fünf Menschen gehen durch eine beliebige Münchner Straße und sagen danach, was ihnen aufgefallen ist. Interessant wird es durch den Vergleich. Denn der führt dem Flaneur vor Augen, was er übersehen hat. Das Café am Eck bemerken selbstverständlich alle. Aber Freund Stefan schwärmt vom Lachen der Kellnerin, Freund Tommi dagegen von den Kuchenstücken. Freundin Anna lobt die eleganten Stühle auf der Freischankfläche, während Freund Michi beleidigt feststellt, dass es nur Löwenbräu gibt. Wirklich schockierend ist: Mir fällt in solchen Situationen zum Beispiel auf, dass ein Tisch außerhalb des markierten Bereichs steht und eigentlich zurück in den Schatten geschoben werden müsste. Ganz ehrlich: Manchmal graut mir vor mir selbst.

Ein Spaziergang mit Freunden schärft die Sinne, und das verwandelt die Stadt. Was habe ich alles schon beim Strawanzen mit Anna gelernt! Geht man mit ihr vom Marienplatz zum Stachus, dann weiß sie noch vor dem Karlstor genau, welcher Klamottenladen aktuell das beste Angebot hat. Anna schaut nämlich in der Fußgängerzone grundsätzlich nur auf die Tüten. Ich dagegen bin am Karlstor in Gedanken immer noch bei dem Herrn, der auf der Höhe der Michaelskirche in sein Smartphone säuselte: „Ouh, das wird eng, Spatzl. Ich komme nämlich grad erst in Garmisch los.“

In einer Wohnstraße blickt Anna auf die Häuser – und kann schnell sagen, inwieweit sich die Menschen in ihrem Viertel wohlfühlen. Der Gradmesser für sie ist dabei – Achtung! – die Balkonbepflanzung. Annas Theorie: Nur Menschen, die gerne in ihrer Straße wohnen, stecken Zeit, Geld und Liebe in ihren Balkon. Mit Anna im Ohr geht man plötzlich ganz anders durch sogenannte Problemviertel. „Alles halb so gefährlich!“, beruhigt man sich selbst in den Straßen, die einem früher Angst einflößten. „Böse Menschen pflanzen keine Blumen.“ Ein sympathisches Stadt-Mantra, eigentlich. Blöd wird die Sache halt bei Wohngemeinschaften, in denen der eine Mitbewohner einen grünen Daumen hat und der andere eine schwarze Seele. Aber das kommt wirklich sehr, sehr selten vor.

Der Spaziergang mit den Augen der anderen funktioniert übrigens auch alleine. Wenn Sie sich am Wochenende langweilen, dann gehen Sie ruhig mal durch Ihre Straße und stellen Sie sich dabei vor, Sie wären Donald Trump! Sie werden sich wundern, wen oder was Sie plötzlich alles besitzen wollen! Nur die Rückkehr in die Normalität der Nachbarschaft dürfte schwerfallen.

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