MÜNCHNER FREIHEIT

Überwacht durch die Nachbarinnen

von Redaktion

Neulich wurde es mir wieder klar: Ich lebe in einem Überwachungsstaat! Na ja, „Staat“ ist nicht der richtige Ausdruck, aber „Überwachungs-Nachbarschaft“ könnte es treffen. Die Nachbarn, die mich stets im Auge behalten, sind zwei Rabenkrähen. Wir kennen uns schon jahrelang; vielleicht sind’s längst die Nachkommen der Nachkommen? Egal, sie sehen mich selbst dann, wenn sie so weit weg oder so versteckt sitzen, dass ich sie nicht mehr entdecken kann. Dass sie trotzdem mega aufmerksam sind, merke ich erst, wenn ich auf den Balkon gehe – Sie ahnen es – mit einer Futterpackung.

Die Körner habe ich noch gar nicht richtig ausgestreut, da landet bereits die eine Krähe auf der Regenrinne des Hauses gegenüber und beäugt mich; nicht dankbar, sondern nach dem Motto: Verschwinde, damit ich endlich fressen kann. Die Freche von beiden ist vor lauter Gier manchmal direkt auf die Brüstung neben mir geflattert. Mit der Kühnheit war es in dem Fall jedoch sofort vorbei. Erschrecken und Aufflattern waren eines. Grinsend ging ich ins Zimmer zurück.

Krähe zwei ist wesentlich zurückhaltender und ängstlicher. Ich bin den beiden nie, nie, nie nahegekommen und habe auch nie, nie, nie den kleinsten Versuch dazu gewagt, dennoch ist das Paar arg vorsichtig. Am liebsten ist es dem Duo, wenn der Rollladen geschlossen ist, dann ist das komische, aufrechtgehende Säugetier irgendwie verschwunden und sicherlich ungefährlich; jedenfalls stört es nicht beim Aufpicken der Körner und Nussbrösel. Bisweilen höre ich die Rabenkrähen in aller Herrgottsfrüh hämmern. Erst hatte ich grollend einen Bastler von nebenan verdächtigt, bis’s Zehnerl g‘fallen is: Meine Kostgängerinnen hacken die Sonnenblumenkerne auf; am Lärm bin ich also selbst schuld.

Geht das Futter mal aus, sucht Frau Frech plötzlich ausgiebig Sichtkontakt. Kaum hat sie mich im Wohnzimmer erspäht, stolziert sie so auffällig wie ausdauernd auf der Balkonbrüstung hin und her, schaut immer wieder zu mir hin, hüpft auf die Lehne des Gartenstuhls, springt in den Blumenkasten, gruscht demonstrativ hungrig darin herum. Natürlich weiß das Luder ganz genau, dass ich über kurz oder lang nachgebe und rauskomme – mit der Tüte in der Hand. Sobald das Gewünschte daliegt, schreit sie mit einem lauten Kraaah nach Frau Schüchtern. Solidarisch sind sie ja, die Nachbarinnen.

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