Anders als beim Fußball oder bei „Mensch ärgere Dich nicht“ gibt es im echten Leben durchaus Beispiele für sogenannte Win-win-Situationen, also wo beide Seiten gewinnen. Beispiel aus der Nachbarschaft: „Kann ich mir deine Heckenschere leihen, dann schneid’ ich auch die zwei Meter bei dir.“ Win-win. Oder im Büro: „Wenn du mir einen Kaffee mitbringst, zahl’ ich beide.“ Win-Win.
Natürlich suche ich auch in der Familie nach Win-win-Situationen: „Räum deinen Teller in die Spülmaschine, dann gibt’s ein Gummibärchen.“ Oder wenn wir essen gehen, wenn wir die Hauptspeise teilen: „Nimm du die Kässpatzen, dann nehm ich den Schweinsbraten.“ Win-win.Das hat immer super geklappt. Bis zum vergangenen Wochenende.
Denn da waren wir mit der Großfamilie beim Essen, seither ist alles dahin. Schuld ist mein Schwager. Wir bekamen die Speisekarten, meine Frau und ich gingen in die Verhandlung. „Du nen großen Salat und ich Lasagne?“, meine Frau schüttelte den Kopf, „dann ich Schnitzel und du Pizza?“. Da ergriff der Schwager das Wort. „Was ihr da macht, ist übrigens Blödsinn.“ Seine These: Wenn zwei beim Essen einen Kompromiss schließen, sei die Wahrscheinlichkeit hoch, dass eins von beiden nicht so gut ist, wie wenn jeder das genommen hätte, das er selbst am liebsten mag. „Das ist Lose–lose“, sagte mein Schwager, „beide verlieren!“
Meine Frau und ich schauten uns an: Wir verlieren beide? Ist das hier mal wieder ne Zeitenwende? Wenn ja reagierte meine Frau schneller als ich. „Gut, dann nehme ich eine Pizza Rucola mit Parmesan“. Sie weiß genau, dass ich es sinnlos finde, rohen Salat auf eine Pizza zu werfen.
Doch mein Schwager legte noch eins drauf, genauer gesagt zwei. Erstens: „Du bist ein Mann und hast bestimmt 60 % des Essens gegessen, bevor du den Teller rübergegeben hast.“ Ich schüttelte den Kopf. Zweitens: „Sie muss immer deinen Quatsch zur Hälfte mitessen.“ Da schüttelte ich nicht den Kopf. Aus meinem Langzeitgedächtnis winkten mir Hauptspeisen zu, bei denen ich meine Frau in Mithaftung gezogen hatte: „Karpfen blau“ auf der Berghütte, „Nachtisch nach Art des Hauses“, „Käsesuppe“ im Allgäu erst vor ein paar Wochen. Und so weiter.
Der Ober kam, sie nahm „Pizza Rucola“, noch 20 Sekunden, dann würden sich alle Blicke auf mich richten. Alle schauten mich an, ich schloss die Augen und atmete tief ein. Bilder tauchten auf, von Griesbrei bis Gyros. Ich atmete noch mal durch, winkte allen Katastrophen meines Lebens zu und verabschiedete mich von Käsesuppe und Karpfen blau. „Ihre Bestellung bitte“, sagte der Ober und weckte mich. „Lasagne“, sagte ich bestimmt. „Ich habe einfach Lust auf Lasagne. So.“
Win-win, Du kannst mich mal. Und erst recht die Pizza Rucola. Ich bestelle jetzt nur noch, worauf ich Lust hab. Euch werd ich’s zeigen! Fisch oder Fleisch oder Pizza oder Pasta. In jedem Fall: Basta!
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