Kein Sportlehrer: Steven Scharf ist tatsächlich Marquis de Sade. © SANDRA THEN
Während das Publikum reinkommt, liegt der Revolutionär Marat (Lukas Rüppel) schon in der Badewanne, in der ihn Charlotte Corday (Liliane Amuat) erdolcht. Ein anderer Irrer (Vincent zur Linden) steckt mit dem Kopf im Gasherd, und so zünftig geht’s auch weiter, wenn die Vorstellung beginnt: Links wird an einer versifften Küchenzeile gebrutzelt, ein ergrauter Altachtundsechziger mit Wurzelsepp-Bart (Florian Jahr) taucht, Protestlieder klampfend, aus der Kühltruhe auf, der Ausrufer (Nicola Mastroberardino) ist ein aasiger Transen-Punk, und der Marquis de Sade (Steven Scharf) sieht mit seinem schicken Trainingsanzug wie ein Sportlehrer aus, der sich in ein Betreutes-Wohnen-Projekt für Durchgeknallte verirrt hat. Kein Wunder, dass gelegentlich blitzend die Sicherung durchbrennt und vom Plattenspieler ein ABBA-Song dudelt.
Das ist auf jeden Fall lustig, aber ganz klar wird bei dieser Premiere im Marstall nicht, was uns Peter Weiss‘ „Marat/Sade“ (1964) noch angehen soll. Diese tragische Farce aus der geschlossenen Abteilung der Weltgeschichte galt jahrzehntelang als Klassiker, doch aus heutiger Sicht wirken die politisch-philosophischen Dialoge eher verquält bis geschwätzig. Darum versucht Regisseurin Claudia Bossard ansatzweise, sie als Talkshow-Gerede zu parodieren, was nur einmal glänzend gelingt. Vielleicht hätte sie den zweistündigen Abend doch lieber auf eine grelle, rasante Groteske eindampfen sollen – zündende Einfälle dafür hatte sie genug: Eine verstörend komischen Szene etwa symbolisiert die massenhaften Guillotinen-Hinrichtungen während der Französischen Revolution, indem einem Darsteller Kohlköpfe zugeworfen werden, die er zirkusreif im Flug mit der Axt spaltet. Heftiger Beifall.ALEXANDER ALTMANN
Weitere Vorstellungen
am 23. März sowie am 4. und
24. April; Telefon 089/21 85 19 40.