MÜNCHNER FREIHEIT

Blühender Kompass

von Redaktion

Die Betankung meiner Pelletheizung stand an, und ich hatte Albträume. Zwei Nächte lang. Nicht, weil ich befürchtete, beim Einblasen könne die Tür zum Pelletlager nachgeben und eine Staubwolke wie ein Sahara-Sandsturm durchs ganze Haus fegen. Nein, die Technik habe ich im Griff. Sorgen machte mir der Zeitpunkt der Lieferung, wegen der Krokusse.

Zum ersten Mal fiel der Tanktermin diesmal in den März, und genau dort, wo die dicken Schläuche zum Einblasen der Pellets verlegt werden müssen, ist ein Meer von Krokussen aufgegangen. Weiß, gelb, violett in mehreren Schattierungen leuchten die Blüten in der Sonne und lassen vergessen, dass die Temperatur nachts noch immer unter den Gefrierpunkt sinkt.

„Frühling!“, jubeln die Blüten jedem zu, der es hören will. Und die beste Ehefrau von allen spitzt die Ohren. Ich dagegen bekam heiße Ohren bei dem Gedanken, was sie tun würde, um ihre Blüten zu schützen. Ich kannte die Antwort: alles.

Erschwerend kam hinzu, dass die Lieferung für den Vormittag avisiert war, wenn meine Frau zur Arbeit musste. Würde sie vorsorglich mit rot-weißem Absperrband einen blütenfreien Weg durch den Garten markieren? Oder, noch schlimmer, mit einem Elektrozaun, so eng gesetzt, dass der arme Lieferant beim Versuch, sich zu bücken, um zwei Schlauchsegmente zu koppeln, unweigerlich…?

Ich errötete bei dem Gedanken, dem wackeren Lkw-Fahrer diese Peinlichkeit begreiflich machen zu müssen. Doch ich hatte keine Wahl, wenn ich nicht riskieren wollte, dass der häusliche Friede kollabiert wie die Krokusblüten unter den Stiefeln des Lieferanten.

Im Traum sah ich den Mann aus dem Führerhaus seines riesigen Tankwagens steigen, freundlich grüßen – und mit schweren Tritten eine Schneise durch das Blumenmeer schlagen. Jetzt ist das Pelletlager voll, und ich schäme mich. Dafür, dass ich den Lieferfahrer im Geiste als rohen Trampel abqualifiziert habe.

Es hatte begonnen wie in meinen Albträumen: Der Mann stieg vom Führerhaus herab, grüßte freundlich mit ausländischem Akzent und marschierte Richtung Gartentor. Und genau in dem Moment, als mir das Herz stehen blieb, hielt er inne und betrachtete die Blütenpracht. Dann suchte er leichtfüßig einen Weg hindurch, ohne einen einzigen Kelch zu knicken. Selbst den dicken, schweren Schlauch mogelte er irgendwie ohne Flurschaden bis zum Ziel.

Ich werde mir die Krokusblüten genau einprägen. So gut, dass ich sie noch vor meinem inneren Auge sehe, wenn sie längst verblüht sind und langweiligem Rasen Platz gemacht haben. Und immer dann, wenn ich mich dabei ertappe, mir aufgrund von Beruf, Herkunft oder Sprache ein Urteil über jemanden zu erlauben, den ich gar nicht kenne, werde ich an Krokusse denken. Manchmal braucht man halt einen Kompass.

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