MÜNCHNER FREIHEIT

Im Schneckentempo an der Sensation vorbei

von Redaktion

Na, das wär‘ doch mal eine echte Sensation gewesen: Ein Tier, das weltweit nur in München vorkommt! Noch dazu aus der Eiszeit! Kleiner als ein Hemdenknopf, aber enorm wichtig. Die Sadleriana bavarica, auch bayerische Zwergdeckelschnecke genannt. Müsste sie da nicht eigentlich den Zusatz „Monacensia“ tragen? Hat wohl wieder einer nicht gönnen können beim Freistaat. Denn da hätte nicht mal der berühmte Wolpertinger mithalten können. Vielleicht noch dieses Axolotl aus Mexiko-Stadt, aber das kommt dort in ein paar Seen vor. Unser Schneck aber nur in Bogenhausen in einem ganz bestimmten Bachabschnitt. Der durch den gleichen Stadtbezirk fließt wie die berühmte Eisbachwelle. Wo auch sonst könnte ein solch unglaubliches Unikat leben als in Münchens Nobelviertel. Das kann doch kein Zufall sein!

Ich habe mir das etwa zwei bis vier Millimeter große Weichtier natürlich sofort mal angeschaut. Auf Wikipedia, nicht in natura. Sieht eigentlich aus wie ein normales Schnecklein bei mir im Garten. Bei dem Namen hatte ich mir da schon einen Deckel am Häuschen vorgestellt. Etwa so wie bei einem U-Boot. Luke auf und die Fühler gucken raus. Eine Art Notausgang für gefährdete Schnecken. Wenn der Fressfeind unten zuzelt, kann die Sadleriana oben entwischen. Ällerbätsch! Jetzt wisst ihr, wie ich so lange überleben konnte. Aber tatsächlich ist das Tierchen eher eine Tupperbox. Es kann sein Gehäuse zum Schutz mit seinem Deckel am Po hinter sich verschließen. Dann sitzt der Schneck ganz allein in seinem persönlichen Panikraum.

Wirklich genial, aber nun ist Schluss mit der Sensation. Denn das Ur-Viech ist wohl doch kein Münchner Kindl, sondern wurde offenbar eingeschleppt. Wohl aus Slowenien. Vermutlich von Touristen mitgenommen und im Herzogpark ausgesetzt. Welch eine Enttäuschung! Ja, wenn sie wenigstens höchstpersönlich eingewandert wäre. Dann hätten wir noch die unglaubliche Reise einer kleinen Schnecke feiern können. Welch grandiose Schlagzeile hätte unsere Zeitung hier kreieren können. „Wie einst Hannibals Elefanten über die Alpen: So kam das Eiszeit-Schneckchen zu uns nach München.“ Aber nun ist der Bayern-Schneck nur eine isolierte Population von Sadleriana fluminensis. Eine Flummi-Schnecke vom Balkan. Promifaktor adé.

Für mich stellt sich aber noch eine Frage: Muss die Schnecke jetzt auch ihren Titel als Weichtier des Jahres 2022 zurückgeben? So wie Sportler nach der Doping-Überführung. Welchem Weichtier hat sie diese Auszeichnung vor vier Jahren weggeschnappt? Sie hören von mir, wenn ich das recherchiert habe.

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