MÜNCHNER FREIHEIT

Fastenzeit für Politikerporträts

von Redaktion

Neulich war es wieder mal so weit; ich musste sie umdrehen. Die Zeitungsseite. Das Porträt auf Seite eins wollte ich nicht dauernd auf dem Sofaplatz neben mir sehen müssen, nicht mal aus dem Augenwinkel. Beim Lesen mache ich oft die kompliziertesten Seite-umknick-Varianten, sozusagen Gazetten-Origami, um bloß dieses oder jenes Politiker(innen)-Gfrieß nicht anschauen zu müssen. Geht es Ihnen auch so, dass Sie Ihre Serviette, ein Buch oder einen Brief auf die jeweilige Abbildung legen, um der optischen Belästigung zu entkommen?

Zeitungen haben ja diesen Vorteil, aber beim Fernsehen – oh mei, oh mei!!! Einen Augen-Schoner-Filter müssten die Techniker erfinden. Bei Donald T. zum Beispiel würden automatisch Verpixelungen auftreten und, bitte, bitte, der Ton ausfallen. Noch viel energischer bei Wladimir P. und allen Herrschaften, die Menschen unterdrücken. Sicher, das ändert nichts an den Schandtaten selbst, aber mein ohnmächtiger Dauerschmerz wäre immerhin gedämpft.

Als Journalistin weiß ich, dass meine armen Kollegen aus der Politikredaktion Artikel/TV-Sendungen ohne Bebilderung nicht drucken/zeigen können. Wer möchte sich schon durch „Bleiwüsten“, wie es einst in der guten alten Zeitungs-Zeit hieß, lesen? Na gut, ich mittlerweile gern, weil die Alternative zu grausig ist. Schließlich kennt man die bösartigen Kerle – meisten sind es Kerle – längst in- und auswendig. Um es mit Karl Valentin auszudrücken: Die kann ich auswendig fotografieren.

Visuelle Askese ist in unserer Bilder-verrücken Zeit tabu – ich geb’s ja zu. Vorschlag! Wie wär’s mit einem Symbolbild? Bei D.T. vielleicht ein goldenes Rechteck; da weiß man doch gleich, um wen es geht. Denkbar wären genauso die Buchstaben Z O L L, grafisch hübsch gestaltet. Ab und an könnte man das Foto einer langen, langen roten Krawatte, eines US-Flugzeugträgers und der Raketen, einer bunten Inflations-Tabelle und Porträts von Bürgern, die von ICE-Mannen erschossen wurden, einsetzen.

W.P. bietet extrem viel mehr Schreckliches als D.T. Bei dem Mann aus dem Osten drängt sich als harmlose Illustration der extra-lange, kitschige Tisch auf. Realitätsnäher wären ein abgemagerter, räudiger russischer Bär und zwingend Aufnahmen von Müttern am Grab ihrer gefallenen Söhne. Kernige Kontraste würden Panorama-Ansichten der Paläste des „Zaren“ ergeben, neben den ausgebombten Wohnungen, Krankenhäusern und Fabriken in der Ukraine. Ich mache mir nichts vor: Auch solche Bilder würden mich tief deprimieren, die Gesichts-Aversion bliebe mir freilich erspart.

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