Unsere geheimen Bunker

von Redaktion

Münchens Untergrund – Im Schutzraum

Blick in einen Geheim-Bunker: Das Garagentor ist im Ernstfall wie ein Schott schließbar. Dazu gibt es uralte Luftdruckmessgeräte (li.) und Luftfilter (re.). © Oliver Bodmer (3)

Der Albtraum: Ausharren unter der Erde, warten – während oben ein Angriff tobt (wie auf dem Foto aus der Ukraine re.). In ganz München gibt es derzeit nur 16 öffentliche Bunker. © Sigi Jantz

Ein geheimer Bunker unter der Stadt. Wir dürfen ihn betreten. Ausnahmsweise. Eigentlich ist er zum Großteil eine bekannte Parkgarage. Aber es gibt versteckte Zeichen, die in die lebensrettenden Schutzräume führen. „Hier, sehen Sie die Schilder?“, fragt unser Führer, der uns die Top-Secret-Besichtigung ermöglicht. „Aborte“ ist auf einem zu lesen. Klar, Toiletten braucht jeder im Notfall. Auf einer Wand in der Nähe ist „Waschrinne“ zu lesen. „Organisiert wird im Ernstfall alles aus diesem Raum hier, der Schutzraum-Aufsicht.“

Also rein in den Aufsichtsraum! Im Innern finden sich – neben Luftdruck-Messgeräten und einem Luftfilter – um die zehn Kisten mit der Aufschrift „Einmaleinsatzbeutel“. Mehr als 10.000 Stück sind es. „Die sind vom Bund hier eingelagert worden.“ Aber wozu dienen sie? Die Antwort: Man hängt die kleinen Plastikbeutel in die Aborte, pro Benutzung einen. Hinterher landen sie in großen Müllbeuteln und werden entsorgt. So ist es zumindest gedacht. Denn nichts von allem, was die Münchner im Notfall bräuchten, ist hier vorhanden: Nicht nur keine echten Klos, sondern auch keine Feldbetten, kein Wasser, keine Nahrungsmittel, keine Gasmasken. „Im Moment weiß keiner, was mit den öffentlichen Schutzräumen wird“, sagt unser Mann. „Das ganze Schutzraumkonzept in Deutschland scheint unklar zu sein.“

In München gibt es 16 öffentliche Bunker, die im Fall von kriegerischen Angriffen Platz für 16.656 Menschen bieten. Das erklärt die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, die in Deutschland für Bunker zuständig ist. Sieben dieser Münchner Schutzanlagen gehören der Stadt oder dem Freistaat, neun sind in Privatbesitz. „Bezogen auf ihren ursprünglichen Zweck des Schutzes vor sogenannten CBRN-Gefahren (chemische, biologische, radiologische oder nukleare Gefahren)“ seien die Räume aber „weder funktions- noch einsatzbereit“, teilt die Behörde mit. Geheim sind die Räume aber trotzdem. „Das Bekanntwerden ihrer Adressen führt erfahrungsgemäß zu einem erheblichen Anstieg von Aufbrüchen und rechtswidrigem Betreten“, so die Erklärung. Eine Liste aller Bunker mit Straße und Hausnummer gibt es daher nicht.

„Hier ist ein schweres Stahltor“, erklärt unser Führer, „man kann es nur mit drei Männern bewegen. Damit kann man die Garageneinfahrt luftdicht abriegeln.“ Tatsächlich, die Stahlwand sieht solide aus, die Apokalypse muss damit schon ein paar Stunden draußen bleiben. Unser Informant führt uns weiter. „Hier ist noch eine dicke Stahltür, die ist verschlossen. Ich vermute, der Bund lagert hier technische Geräte für den Ernstfall.“ Aber: Den Raum habe schon lange keiner mehr betreten.

Wie sich die Behörden den Bevölkerungsschutz in Zukunft vorstellen, kann die Feuerwehr München genauer erklären. Sie ist von der Stadt damit betraut, die öffentlichen Bunker betriebs- und verkehrssicher zu erhalten. „Derzeit arbeiten Bund und Länder an einem neuen Schutzraumkonzept“, sagt Franziskus Bronnhuber von der Branddirektion. „Künftig wird ein neuer Ansatz verfolgt, der weniger auf große, zentrale öffentliche Schutzräume und stärker auf kleinere, schnell erreichbare und vorhandene bauliche Strukturen setzt.“

Münchens Bunker sind also offiziell noch im Dienst. Inoffiziell nicht, wie auch die Bundesanstalt erklärt: „Die heutigen anzunehmenden Angriffsszenarien haben sich verändert. Es ist von punktuellen Angriffen mit kurzen Vorwarnzeiten auszugehen, wobei zentral gelegene Schutzräume von den meisten Menschen nicht rechtzeitig erreicht werden.“ Es würden nur noch wenige Minuten zwischen Warnung und Angriff veranschlagt. Hinzu käme, dass „große Personensammlungen in öffentlichen Schutzräumen mit mehreren Hundert oder Tausend Plätzen selbst zum Ziel für einen Angreifer werden könnten.“ Man wolle daher nicht die bestehenden Bunker ausbauen – sondern lieber „vom zentralen Ansatz abrücken und stattdessen für eine Vielzahl von überall verteilten öffentlichen Fluchträumen sorgen. Diese Orte sollen (…) schnell erreichbar sein.“ Klingt nach Kellern. Und U-Bahn-Tunneln. So wie derzeit in der Ukraine. Übrigens: Ein neues Schutzraumkonzept wollten unter anderem das Bundesinnenministerium und die Bundesanstalt im Dezember verabschieden. Doch das Thema wurde von der Tagesordnung genommen.ISABEL WINKLBAUER

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