Gerechtigkeit nach 24 Jahren

von Redaktion

True Crime „Cold Cases“: Mordversuch im Supermarkt – Später Erfolg der Ermittler

Angeschossen: Supermarkt-Besitzer Manfred S.

Lebenslang für Ilja L.: Der Mann hatte seinem Opfer in den Bauch geschossen. © Stache, Archiv, Jantz

Im Pressehaus: Eva Wirth (li.) (Spurensicherung) und der pensionierte Mordkommissar Helmut Eigner (M.).

Jeder Fall ist eine traurige Geschichte: 213 Straftaten gegen das Leben konnte die Münchner Polizei seit 1960 nicht klären. Die Akten zu den Cold Cases sind zwar im Keller der Mordkommission eingelagert, aber trotzdem nicht vergessen. „Kein Täter soll sich je sicher sein“, sagte Polizeisprecher Werner Kraus beim True-Crime-Abend im Pressehaus unserer Zeitung. Wie berechtigt diese Aussage ist, zeigt der Fall von Manfred S.: Der Münchner wurde 1993 bei einem Raubüberfall auf seinen Supermarkt angeschossen und wäre fast gestorben. Lange Zeit sah es so aus, als könnten die beiden Täter ungestraft davonkommen. Dass letztlich zumindest einer von ihnen gefasst und verurteilt wurde, ist dem bewährten Cold-Case-Team des Präsidiums zu verdanken.

Helmut Eigner war 30 Jahre lang Mordermittler und wurde mit der Zeit Experte für die ungelösten Altfälle. Letztere sind auch das Spezialgebiet von Eva Wirth in der Spurensicherung. Ihre spannendsten Fälle hat Eigner, der im vergangenen Jahr in Pension gegangen ist, gerade in seinem ersten Buch „Cold Cases“ (Hoffmann und Campe Verlag) veröffentlicht. Auf der True-Crime-Bühne in der ausverkaufen Alten Rotation des Pressehauses erklärte er jetzt, wie er den blutigen Raubüberfall auf den Edeka-Markt an der Implerstraße doch noch klären konnte.

Als er sich die Akten 2011 aus dem Mordkeller geholt hatte, galt für ihn erst einmal eines: „Lesen, lesen, lesen.“ Darüber, wie die beiden Männer am 6. April 1993 nach Ladenschluss schwer bewaffnet plötzlich vor Manfred S. standen. Der 49-Jährige ging zunächst von einem schlechten Scherz aus und sagte zu einem der Maskierten: „Mach doch keine Faxen, wer bist‘n überhaupt?“ Dann ging alles ganz schnell: Dem Münchner wurde in den Bauch und ins Bein geschossen, als er fliehen wollte, prügelten und traten die Angreifer auf ihn ein. Dann flüchteten sie mit 1450 D-Mark.

Auf den Fall aufmerksam gemacht hatte Helmut Eigner ein Hinweis des Landeskriminalamtes: Im Supermarkt wurde 1993 ein Handflächen-Abdruck sichergestellt. 2011 gab es Übereinstimmungen, nachdem bei einem gefassten Einbrecher Fingerabdrücke genommen wurden. Der Mordermittler vernahm den Tatverdächtigen daraufhin, doch der Mann bestritt jegliche Beteiligung an dem Raubüberfall, bei dem Manfred S. fast umgekommen wäre. Sackgasse! „Ich hätte die Akten wieder in den Mordkeller zurücklegen können, doch dazu war ich noch nicht bereit“, erinnerte sich Eigner. Er wühlte sich durch die Unterlagen und sichtete die damals gesicherten Beweismittel. Ein Jutesack, mit dem die einstigen Ermittler 1993 ohne DNA-Analyse nicht weiterkamen, brachte dann die Wende. Dank Eva Wirth, die einen winzigen rotbraunen Fleck auf dem Sack entdeckte. „Er war so groß wie ein Stecknadelkopf.“ Aber das reichte aus. Einer der Täter hatte mit Blut eine Spur gesetzt. Wirth schaffte es, ein DNA-Muster zu sichern, das vom LKA ausgewertet wurde. Und die Tests ergeben einen Volltreffer!

2017, ganze 24 Jahre nach der Tat, verurteilte das Landgericht München I den Straftäter Ilja L. wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit schwerem Raub zu 15 Jahren. Der Mann saß wegen anderer schwerer Taten bereits ein und wird das Gefängnis vorerst nicht verlassen. Helmut Eigner ist bis heute in Kontakt mit Manfred S.: Der Mordermittler weiß, wie sehr ihn und seine Familie die Tat belastet hat. Umso wichtiger ist, dass am Ende die Gerechtigkeit siegt.N. HOFFMANN, A. THIEME

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