Letztens hat der Andi sich zu seiner eigenen Niedertracht bekannt. Er hat nämlich neben seinem Zweifamilienhaus in Ramersdorf eine sehr böse, geizige und aggressive Nachbarin, die obszönste Maximalmieten verlangt und glaubt, die Straßenparkplätze neben ihrem Haus wären ausschließlich ihre. Nun hat sie aber die Dachkemenate eine Weile nicht vermietet, sei es aus Niedertracht oder aus einer ungewohnten Abschwächung ihrer Geldgier. Leider hat sie das Dachfenster offen gelassen. Die andische Einstellung zu schlechtem Wetter hat sich daraufhin gehörig gewandelt, denn bei plötzlichem Starkregen, Hagel oder Ähnlichem hat er gern und mehrfach schadenfroh gegrinst.
Sein Sohn Vale hingegen beschäftigt sich gedanklich mit einem anderen Nachbarn und würde diesem gern einen freundlichen Hinweis geben. Aber der Nachbar ist schwer greifbar, man weiß nicht mal, wie er aussieht. Derweil leuchtet aber eine orange-rötliche Lampe an seinem Haus, und zwar Tag und Nacht. Gemäß dem Sinnspruch „Nicht immer hält das rote Licht, was es dem Wandersmann verspricht“ gibt es keinerlei erkennbaren Grund für das Ansein des Lamperls. Es könnte sich allenfalls um eine historische Glühbirne handeln, wie die Centennial Bulb in den USA, die seit 125 Jahren durchgehend brennt, weil sie einfach robuste Wertarbeit ist und wahrscheinlich handsigniert von Thomas Edison.
Ausgehend von einer völlig unhistorischen 60-Watt-Birne hat der Vale jetzt mal ausgerechnet, was das ewige Licht den Nachbarn im Jahr kostet, und ist auf 212 Euro gekommen. Da hat sich schon die Frage erhoben, ob man dem abwesenden Inhaber nicht einen finanziellen Gewinn verschafft, wenn man ihm die Lampe mit einer Zwistel und aus mittlerer Distanz diskret zerdeppert. Blöd wäre es allerdings, wenn dann wirklich die Signatur von Edison zu Schaden käme.
Der Vater Andi hat inzwischen erfahren, dass die Nachbarin ein Grab neben dem seiner Familie besitzt, und die Nachbarschaft sogar noch länger währen könnte als das ewige Licht von Ramersdorf. Weil er unterirdische Übergriffe fürchtet, hat er nun beschlossen, dass man in ethischen Grenzfällen, wie dem Dachfenster der Nachbarin, doch lieber einen freundlichen Hinweis geben sollte. Denn was könnte man der bösen Feindin nebenan Schlimmeres antun als eine gute Tat?