MÜNCHNER FREIHEIT

Horoskope – ein Selbstversuch

von Redaktion

Ich glaube nicht an Horoskope. Ich kenne zwar mein Sternzeichen und sogar meinen Aszendenten, aber ich weigere mich, daraus meine Zukunft abzuleiten. Auch einen Charakter lasse ich mir nicht durch den Sternenhimmel am Tag der Geburt erklären. Beispiel: Über Menschen mit dem Sternzeichen Zwilling heißt es im Internet, sie seien sehr beliebt und man verbringe sehr gerne Zeit mit ihnen. Donald Trump ist Zwilling. Noch Fragen? Ich persönlich verbringe meine Zeit jedenfalls sehr gerne mit Menschen, die über Intelligenz, Manieren, Bescheidenheit, Humor und einen moralischen Kompass verfügen. Also: Sternzeichen Mitmensch, Aszendent Herz.

Manchmal allerdings bereue ich meine Skepsis gegenüber den Sternen. „Das, was Sie sich ausgedacht haben, könnte ein Riesenerfolg werden“, stand an einem Tag der vergangenen Woche in meinem Horoskop. Das liest man natürlich gerne, wenn man sich im Hauptberuf Geschichten und Filmfiguren ausdenkt – und im Privaten Wege, wie man das völlig ungerechtfertigte Singledasein seiner Jugendfreundin Nadine beenden könnte. Zugleich stutzte ich: Warum hatte ich eigentlich mein Horoskop für den Tag gelesen, wenn ich doch gar nicht daran glaube? War das wiederum ein Zeichen der Sterne?

Ich beschloss, den Sternen eine Chance zu geben. Ich lud Nadine spontan zu einem Abendessen ein, aber nicht nur sie, sondern auch ein paar Single-Männer aus meinem Bekanntenkreis und, sozusagen als Tarnung, ein glückliches Paar. Noch während ich für das Abendessen einkaufte, erreichten mich allerdings Warnsignale: Das Drehbuchkonzept, das ich mir unlängst für eine Produktionsfirma ausgedacht hatte, wurde abgelehnt. Von wegen Riesenerfolg! Ich blieb trotzdem optimistisch. Vielleicht hatten die Sterne ja was anderes gemeint, Nadines Liebesglück nämlich. Ich kochte ein rosa Menü. Kurz darauf saßen Nadine, die Single-Männer und das tarnende Eheglück an meinem Küchentisch. Aber die Herren sprachen wieder nur über Fußball. Nadine verstand sich entschieden zu gut mit dem Paar. Und ich beschloss, meine Karriere als Horoskop-Leser nach einem Tag schon wieder zu beenden.

Nadine, die übrigens an Horoskope glaubt, war mein letzter Gast. Im Gehen erzählte ich ihr von meinem gescheiterten Plan und zeigte ihr die Zeitung. Sie lächelte und wies mich auf ein Detail hin, das ich irgendwie übersehen hatte: „… könnte ein Riesenerfolg werden“, stehe da – und nicht: „…wird ein Riesenerfolg.“ Die Sterne lügen nicht, solange sie im Konjunktiv sprechen. Ich glaube, für Horoskope bin ich einfach zu blöd.

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