Kaum etwas ist so ideal für das eigene Unglück wie zu hohe Erwartungen – an sich selbst, an andere, an die Welt. Das gilt für Wunschzettel an Weihnachten, das gilt fürs Wetter bei der eigenen Hochzeit und das gilt im April auch für die Erdbeeren aus dem Supermarkt. „Wir sind zuckersüß und schmecken nach Sommer!“, rufen sie mir zu, doch ich weiß: Nichts außer Wasser und Styropor ist so geschmacklos wie die meisten Erdbeeren im April.
Auch für die Erdbeeren muss es hart sein, meine Erwartungen zu enttäuschen – ich weiß, wie sich das anfühlt. Denn als meine Kinder klein waren, konnte ich problemlos Superheld spielen, ich erfüllte alles. Nun wissen sie längst, dass es, sagen wir mal, nicht ganz so ist. Hätte ich vor zehn Jahren gesagt: „Ich kann übers Wasser gehen“, hätte mein Sohn gesagt: „Natürlich, du bist ja auch mein Papa!“ Heute sagt er sinngemäß: „Kannst du eh nicht und lass mich in Ruhe.“ Umso wichtiger war mir deshalb mein April-Ritual. Doch das ist nun auch Opfer zu großer Erwartungen geworden.
Die Rede ist vom Reifenwechseln, das ich selbst erledige – schließlich nervt nicht das Wechseln, sondern das Herumtragen der Reifen. Na gut, es gibt auch Leute wie Freund H., dessen Reifen in der Werkstatt wohnen, wo sie der Mechaniker jeden Tag wendet wie Champagnerflaschen und ihnen eine Gute-Nacht-Geschichte vorliest. Kann ich mir leider nicht leisten und außerdem: Ich bekam bisher sehr viel Respekt von meiner Frau fürs Reifenwechseln. Egal wie lang ich benötigte, sie war beeindruckt. „Heute war es besonders schwierig“, log ich zuweilen und wischte mir theatralisch Dreck und Schweiß aus dem Gesicht.
Friede-Freude war einmal. Denn meine Kinder haben ein Video gesehen vom Weltrekord im Reifenwechseln, 1,8 Sekunden, aufgestellt in der Formel 1. Das ist so lange, wie Sie zum Lesen dieses Satzes brauchen. Das Auto fährt in die Boxengasse, 22 Mann stürzen heran, fertig, aus – ciao. Für mich hieß das auch: Ciao Heldenstatus, denn warum benötige ich einen Tag für etwas, wofür andere 1,8 Sekunden brauchen? Entsprechend waren auch die Fragen eher skeptisch, die ich beim Reifenwechseln am Samstag bekam: „Naaaa?“ und „Wie lang dauert‘s noch?“. Und von meinem Sohn: „Du brauchst übrigens schon 1800-mal länger als die in der Formel 1.“ Und ich sei ja noch nicht mal fertig.
Am Ende waren es eineinhalb Stunden – eine wirklich ordentliche Zeit. Wenn Sie also jetzt irgendwo am Frühstückstisch sitzen, ein bisschen Applaus täte mir gut. Dankeschön!
Und jetzt noch ein Geheimtipp für ein Erdbeer-Frühstück im April: 500 g Erdbeeren waschen und putzen, 500 g Zucker locker unterheben, fertig!