Kontrolle ist besser

von Redaktion

Auf Streife mit der Bundespolizei am Hauptbahnhof – 528 Gewaltdelikte in einem Jahr

Patrouille am Bahngleis: 528 Gewaltdelikte wurden im Vorjahr am Hauptbahnhof registriert.

Beamte schirmen am Münchner Hauptbahnhof einen Hilfsbedürftigen vor Gaffern ab.

Kofferkontrolle an den Schließfächern: Die Bundespolizei hat vielfältige Einsätze. © Marcus Schlaf (3)

Nur Stunden, nachdem Lothar Müller (Name geändert) aus dem Gefängnis entlassen wurde, liegt er schon wieder auf einer Holzbank in einem Polizeiraum. Er windet sich, krümmt sich, will schlafen. Die Beamten wollen ihn befragen, doch Müller hat anderes im Sinn. Auf der Fensterbank steht seine Rumflasche, darauf der Spruch: „Für kräftige Drinks.“ Und der Mann hat an diesem Morgen kräftig getrunken – 1,66 Promille ergibt der Alkoholtest. Ob er auch Drogen genommen hat, fragt ein Beamter. „Alter, ich bin auf allem drauf. Aus Prinzip“, lallt Müller.

Für Bundespolizist Daniel S. (25) ist das Alltag. Am Münchner Hauptbahnhof, seinem Arbeitsplatz, erlebt er solche Szenen oft. Männer und Frauen, die ihre Haftentlassung zu ausgelassen feiern. „Viele kippen sich erst mal einen hinter die Binde“, sagt er. Wer süchtig ist, verliert schnell die Kontrolle. Es ist Donnerstag, kurz nach Mittag, als die Bundespolizisten den Betrunkenen im Sperrengeschoss aufgreifen. Daniel S. und seine Kollegen Tobias P. (21) und Lejla S. (23) sind da schon seit fünf Stunden auf Streife, ihre Schicht geht von 7 bis 19 Uhr. Doch der Reihe nach.

Gegen 11 Uhr drehen die drei Beamten ihre Runde durch die Bahnhofshalle. Sie tragen Schutzwesten und Waffen, bereit für alles, was der Tag bringt. Ihr Alltag: Passanten, die zusammenbrechen, Diebstähle, Körperverletzungen. 528 Gewaltdelikte zählte die Polizei im Vorjahr am Hauptbahnhof. Im Vergleich zu anderen Großbahnhöfen kommt München noch gut weg: Spitzenreiter Leipzig verzeichnete 859 Gewaltdelikte, andere Millionenstädte wie Hamburg über 600. In München geraten meistens Obdachlose oder Drogen- und Alkoholabhängige in Streit. Fahrgäste sind seltener betroffen, so die Bundespolizei.

Dann kommt ein Funkspruch rein: unbeaufsichtigtes Gepäck im Schließfachbereich. Die Streife eilt los. Vor Ort staunen sie: Drei Koffer liegen in offenen Spinden. „Sehr ungewöhnlich“, sagt ein Beamter. Zufall oder Gefahr? Sie sperren den Bereich ab. Der Dienstführer kommt hinzu. Zuvor sichtet er die Überwachungsvideos, jetzt gibt er Entwarnung: „Keine Gefährdung.“ Die Beamten öffnen einen Koffer, finden nur Kleidung und Papiere. Der Koffer wandert ins Fundbüro. Glück für den Besitzer – ein Entschärfer-Einsatz wäre teuer geworden. „Das kann richtig ins Geld gehen“, sagt Daniel S.

Am S-Bahn-Bereich winkt ihnen eine Kindergruppe zu. „Eine nette Abwechslung“, sagt Tobias P. Doch die Ruhe währt nicht lange. Am Mittag der nächste Notfall: Ein älterer Mann, schwarze Hose, schwarze Jacke, liegt im Sperrengeschoss am Boden und hechelt. Ein Sanitäter in Zivil ist bereits bei ihm, der Rettungsdienst ist unterwegs. Die Polizisten schützen den Mann vor Gaffern, Kollegen bringen eine Sichtschutzwand.

Nur wenige Meter entfernt brüllt ein Mann: „Schweine, Schweine.“ Was er meint, bleibt unklar. Es ist die Begegnung, die später im Polizeiraum enden soll. Tobias P. geht zu ihm. „Was ist los? “ Der Mann – kurz geschorene Haare, Kargohose – wankt und dreht eine Zigarette. „Ich möchte pinkeln gehen“, sagt Lothar Müller. Er wirkt abwesend. Die Beamten kontrollieren seine Personalien. Immerhin: Den Entlassungsschein trägt er bei sich. „Es kommt vor, dass manche den Schein verlieren“, sagt Daniel S.

Die Beamten stellen fest: Der Entlassene hat eine offene Beschuldigtenvernehmung wegen eines Vorfalls am Flughafen. Dort soll er ein Hausverbot missachtet haben. Sie bringen ihn in einen Kontaktraum der Bundespolizei, eine Art Mini-Dienststelle am Bahnhof. Es geht durch eine dicke Stahltür, in einen schmalen Raum: Müller setzt sich auf eine Bank. „Ich will rauchen“, sagt er. Die Beamten lehnen ab. Er legt sich hin, will schlafen. Ob er eine Adresse hat? Nein. Eine Unterkunft? Nein. Die Vorwürfe streitet er ab. Schließlich lassen sie ihn gehen. Daniel S. gibt ihm noch einen Rat: „Bitte nicht zu viel trinken.“ Fraglich, ob es zu ihm durchdringt.J. LIMMER

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