Die Truppe für die härtesten Fälle

von Redaktion

Unsere Zeitung ist exklusiv zu Besuch beim SEK – So arbeitet das Spezialeinsatzkommando der Polizei

Mit spezieller Ausrüstung in denkbar schwierige Einsätze: Extremsituationen wie Geiselnahmen und Terroranschläge.

„Simba“ im Gespräch mit Reporterin Nadja Hoffmann – die Maske trug er nur fürs Foto. © Jens Hartmann

Schwer bewaffnet, bestens ausgebildet: die Beamten des Spezialeinsatzkommandos. © Jens Hartmann (3)

Die stärkste Kraft, die die Polizei zu bieten hat, bezeichnet sich selbst als „Fachdienststelle für Zugriffe und Intervention“. Besser bekannt als das Spezialeinsatzkommando SEK. Die Spezialeinheit des Präsidiums rückt dann aus, wenn es schlimmer nicht werden kann. Bei Geiselnahmen, Terroranschlägen, schwer bewaffneten Überfällen, bei Entführungen, Erpressungen – immer dann, wenn akut ein Menschenleben in Gefahr ist. Für diese extremen Einsätze werden die Beamten intensiv geschult. Wer zum SEK will, muss hohe Hürden nehmen. Aus gutem Grund ist über die Anti-Terror-Einheit nicht viel bekannt.

Unsere Zeitung durfte das SEK exklusiv besuchen. Auch dabei gilt: Der Identitätsschutz der Beamten steht an erster Stelle. Bei jedem Einsatz auf der Straße sind die Männer vermummt – und auch auf unseren Fotos dürfen ihre Gesichter nicht gezeigt werden. Namen werden nicht genannt, auch in der Einheit selbst nicht. Jedes Mitglied „erarbeitet“ sich eine Art Codenamen. Wer an heroische Bezeichnungen à la „Maverick“ denkt, liegt aber ganz falsch. Wie SEK-Chef Wolfgang K. verrät, sind es eher spezielle Spitznamen – die von den Kollegen festgelegt werden. Oftmals Favorit als Namenspatron: Disney-Figuren! Was nach einem ganz eigenen Humor in der Gruppe und herrlich sympathisch klingt, hat einen ernsten Hintergrund: Auf diese Weise bleiben die SEKler auch anonym, wenn sie sich im Einsatz vor schwerstkriminellen Tätern etwas zurufen. „Dabei verwenden wir niemals unsere echten Namen“, sagt ein großer, voll austrainierter Mann, der seit sieben Jahren beim SEK ist. Codename: „Simba“ – so wie der Sohn vom „König der Löwen“.

Für „Simba“ waren zwei Dinge immer klar. „Ich möchte Polizist werden. Und ich möchte nicht am Bürotisch sitzen.“ Der Sprung in die Anti-Terror-Einheit war ein echter Lebenstraum, für den er trainiert hat. „Da steckst du viel rein.“ Was dann kam, war hart: Das Auswahlverfahren und die sechsmonatige Ausbildung werden dem 33-Jährigen immer in Erinnerung bleiben. „Diese Zeit war sehr anstrengend.“ Umso größer der Erfolg, wenn man es schafft und die typische Ausrüstung in der Farbe Steingrau-Oliv bekommt. Dazu gehört das Zeichen der Einheit: das Schwert und die Schwinge. „Wir tragen es mit Stolz“, erklärt „Simba“. Es vereint die Gruppe.

Rund 60 Bewerber versuchen es laut Wolfgang K. pro Jahr. Nur knappe zehn kommen letztlich auch zum Zug. „Wir suchen grundsätzlich lebenserfahrene Bewerber“, erklärt er. Wer ins SEK will, muss körperlich wie mental über Grenzen gehen können. Immer wieder fallen Bewerber durch, weil sie die speziellen Anforderungen – beispielsweise beim räumlichen Vorstellungsvermögen – nicht erfüllen. Letzteres ist eine wichtige Eigenschaft im Einsatz. Das SEK verschafft sich auf jede erdenkliche Weise Zutritt zu Gebäuden: Die Beamten werden von einem Hubschrauber auf Dächern abgesetzt, sie seilen sich an Fassaden ab und springen durchs Fenster. Oder sie sprengen sich den Weg frei. „Es gibt keine Tür, die wir nicht öffnen können“, sagt Wolfgang K. Jeder seiner Beamten ist Experte auf seinem Gebiet und hat spezielle Ausrüstung dabei. Dazu gehört neben Lang- und Kurzwaffen mitunter eine breite Schrotflinte – mit der ein Türschloss aufgeschossen wird.

Elementar wichtig sind für die Gruppe die eigenen Sanitäter, die gelernt haben, auch in den schwierigsten Situationen zu arbeiten. Seit der Gründung des SEK sind in Bayern vier Beamte gestorben: zwei im Training, zwei im Einsatz. Ihrer wird in der Eingangshalle mit Fotos gedacht.

Über seinen Arbeitsalltag hat „Simba“ nur seinen engsten Kreis eingeweiht. Wenn er mitten in der Nacht zu einem Einsatz gerufen wird, weiß seine Lebensgefährtin, in welche Lagen er geht. Dass auch sie Polizistin ist, erleichtert die Situation. Ein Bereitschaftsdienst dauert eine ganze Woche. Mal wird der Alarm in dieser Zeit nur zweimal ausgelöst, manchmal zweimal pro Tag. Das Einsatzgebiet umfasst ganz Südbayern. Das SEK kommt auch bis Passau oder Lindau. Ist die Fahrzeit zu lang, sind Hubschrauber eine Alternative. Jeden Tag stehen die SEK-Beamten bereit, um unter Einsatz ihres Lebens andere zu retten und Schwerstkriminelle hinter Gitter zu bringen. Trotz der schwierigen Herausforderungen: Bezeichnungen wie „Elite-Einheit“ oder „Helden“ lehnt das Kommando komplett ab. In der Selbstwahrnehmung sehen sich die Beamten als ganz normale Kollegen im Präsidium. Am Boden zu bleiben, ist wichtig. Besonders dann, wenn man jeden Tag das Unmögliche möglich macht.NADJA HOFFMANN

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