MÜNCHNER FREIHEIT

Ersatzwanderung auf der Schiene

von Redaktion

Der vergangene Winter hatte einen erstaunlich langen Atem. Es musste Ostern werden, bis in den Social-Media-Beiträgen meiner Freunde das Bergpanorama hinter dem Weißbierglas komplett weiß war. Am meisten Schnee gab es tatsächlich, als die Kellner aus den Skihütten schon wieder abgereist waren und als Spargelstecher arbeiteten. Was für ein Endspurt! Könnte der Winter 2025/26 Marathon laufen, dann gewänne er bei jeder Sommerolympiade.

Mit dem Ende der Osterferien häuten sich die Münchner Skifahrer traditionellerweise und verwandeln sich in Wanderer. Allerdings brauchen sie jetzt Geduld. Wer von München aus Richtung Süden fährt, stellt spätestens bei Wolfratshausen fest: Herzogstand und Benediktenwand sind im Moment so weiß wie die Zähne von Jürgen Klopp. Für den Münchner Wanderer bedeutet das: Selbst am letzten Aprilwochenende sollte man nicht zu hoch hinaus wollen. Auf dem Weg zur Berghütte müsste man durch den Schnee stapfen. Und mit nass-kalten Füßen schmeckt das Weißbier nicht. Da kann das Bergpanorama dahinter instagrammabel sein wie eine gesengte Sau – es hilft einfach nix.

Meine Freundin Anna zog vor zwei Wochen eine Alternativroute aus dem Netz. Die „Tour der Woche“, die der Deutsche Alpenverein auf seiner Homepage veröffentlichte, klang für mich zunächst wie ein Witz: Von Buchenhain nach Schäftlarn. Wer an der S7 groß wurde, meint natürlich, diesen Weg zu kennen. Allerdings: Als Fußweg kennt man die Strecke dann doch nicht. Und das kann ja nicht schaden, schließlich gilt die S7 als die störanfälligste S-Bahn-Linie der Region. Irgendwann kommt bestimmt wieder Schienenersatzverkehr – oder eben nicht! Dann könnte eine Schienenersatzwanderung doch eine feine Sache sein.

Wir packten also unseren Rucksack, radelten nach Buchenhain und wanderten die Isar entlang bis zum Kloster Schäftlarn. Es ist beschämend: Über 50 Jahre lebe ich jetzt schon in der Gegend. Aber die Schönheit dieser Strecke habe ich erst jetzt kennengelernt. Gleichzeitig frage ich mich, was ich noch alles übersehen habe in der Region, die ich meine Heimat nenne. Vielleicht sollte ich doch einmal ins Hofbräuhaus gehen, in den Kopf der Bavaria klettern oder das Glockenspiel bis zum Ende anschauen. München, wir sind noch nicht fertig miteinander!