Neulich ist mir aufgefallen, wie viel Freude mir Kleinigkeiten machen. Sie sind quasi Zufallsglück, das keine große Aufwallung braucht, schon gar kein gefühliges Pathos oder Einmaligkeit. Dieses Glück findet sich am Wegesrand des Alltags. Man muss nur die Augen und Ohren offenhalten. Da war zum Beispiel dieser Teppich aus zierlichen gelben Blüten an der Böschung des Nymphenburger Kanals. Wahrscheinlich waren sie am nächsten Tag verwelkt.
Dass ich dort just zur richtigen Zeit vorbeiging und sie bewundern durfte, war eben Zufallsglück. Die Blüten erinnerten an die von Hahnenfuß, wuchsen allerdings ganz nahe am Boden. Mein altes, kleines Wiesenblumen-Buch, das ich daheim konsultierte, schlug mir „Gänsefingerkraut“ vor. Dank also an die Gänsefingerkräutchen, die mich beglückt haben.
Glück kann man manchmal sogar in der U-Bahn haben, obwohl die meisten Fahrgäste nur in ihr Smartphone starren beziehungsweise hineinlauschen, also für meine Unterhaltung nichts bieten. Da war das Gespräch zweier Frauen vor ein paar Wochen über Brahms dann doch ein ÖPNV-Leuchtturm. Und, kaum zu glauben, im gleichen Waggon erklärte ein Mäderl seiner Mama die Farbenlehre, die offenbar gerade in der Schule durchgenommen wurde. Sie sprach in dem Moment, als ich zustieg, über Blau. Mei, es ging geradezu üppig analog zu in der U1.
Skurriles zu erleben, ist naturgemäß noch schwieriger. Welcher Erwachsene möchte sich eine Blöße geben, außer er schreit in sein Telefönchen? In der Situation gibt’s keine Hemmungen; man glaubt seltsamerweise automatisch, dass niemand zuhört. Dagegen hatte die Dame neulich vormittags wirklich etwas zu bieten – gewissermaßen Akrobatisches.Kaum Platz genommen, zog sie aus ihrer voluminösen Beuteltasche ein Nagellackfläschchen. Sie wird sich bei der wackeligen Fahrt doch nicht die Nägel machen, dachte ich noch, und schon pinselte sie los?
Ich konnte die Augen nicht mehr von der Prozedur lösen, die die Frau jedoch trotz Anfahren, Kurven, Bremsen unfallfrei durchzog. In der Endphase war sie am meisten gefordert. Wie verschließt man mit frisch (!) lackierten Nägeln das Flascherl, damit nichts rausläuft, und wie packt man selbiges in die Tasche, ohne dass die Farbe Schaden nimmt? Meine Nerven waren bis zum Äußersten gespannt. Was soll ich sagen: Alles glückte! Und das in Rekordzeit, denn die Finger-Akrobatin stieg bei der nächsten Station aus.
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