„Zusammen sind wir weniger allein“

von Redaktion

Friseure schneiden Bedürftigen kostenlos die Haare – Rund 100 Leute stehen Schlange

„Die Aktion gibt den Menschen ein Stück Würde und Lebensgefühl zurück:“ Rund 100 Leute wollten einen Haarschnitt. © Alexandra Beier

Sie tragen Leder – und sie leben das Motto „Zusammen sind wir weniger allein“. Die Barber Angels, ein Verein von Friseuren, reisen durch Deutschland und schenken Bedürftigen neue Haarschnitte. Gestern machten sie Halt in München.

Friseurin Silvia hält schon die Schere in der Hand, zögert einen Moment. Die pinken Spitzen der Frau gefallen ihr zu sehr. „Du kannst so viel wegschneiden, wie du willst“, sagt ihre Kundin zuversichtlich. „Die Farbe ist der Hammer – da will ich gar nicht so viel wegnehmen“, lacht Silvia.

Zweimal im Jahr reisen die Barber Angels aus ganz Deutschland auf Einladung der Obdachlosenhilfe Aktion Brücke nach München. Die Vereinigung von Friseuren hat es sich zur Aufgabe gemacht, Obdachlosen und Bedürftigen mit kostenlosen Haar- und Bartschnitten ein Stück Selbstwert und Zuversicht zurückzugeben.

Rund 100 standen am Sonntag im Nussbaumpark Schlange. „Viele können sich das schlicht nicht leisten“, erklärt Organisations-Engel Silvia. Gemeinsam mit drei Kolllegen sorgt sie dafür, dass alles reibungslos abläuft: Jeder Platz ist besetzt, niemand wird übergangen. Zehn weitere Mitglieder, die „Schneide-Engel“, greifen zur Schere und schenken ihren Kunden neue Looks.

Silvia nimmt jetzt die nächste Kundin in Empfang. Routiniert formt sie Strähne für Strähne der dunklen Haare, legt dann die Schere beiseite und beginnt zu stylen. Währenddessen beobachtet ein Mann das Geschehen – sein Blick ruht unverwandt auf der Kundin. „Na, gefällt dir deine Frau?“, fragt Silvia mit einem Grinsen. Die Freude steht ihm ins Gesicht geschrieben, ein breites Lächeln auf den Lippen. „Danke, danke, danke“, bringt er nur hervor.

„Diese Aktion gibt den Menschen ein Stück Würde und Lebensgefühl zurück“, sagt Anja Sauer von der Aktion Brücke. Den Ehrenamtlichen ist bewusst, dass sie nicht jeden auffangen können. Doch Aktionen wie diese schenken Hoffnung und neue Motivation. Das weiß auch Martin, der heute selbst bei der Aktion Brücke mithilft. „Früher war ich obdachlos“, sagt der 49-Jährige. Über eine solche Veranstaltung kam er zur Obdachlosenhilfe. Dort bekam er ein Dach über dem Kopf und fand Schritt für Schritt zurück in den Alltag. Heute engagiert er sich selbst bei den Einsätzen. „Ich bin jeden Tag froh, etwas zurückgeben zu können“, sagt er.A. BONDARENKO

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