MÜNCHNER FREIHEIT

Nicht schießen, nur niesen!

von Redaktion

Gut, dass Sie Zeitung lesen, und: Mögen Sie dabei so ungestört sein, wie ich es mir immer wünsche – denn während ich lese, werde ich gleichzeitig noch getestet. Kürzlich stellte mir meine Frau allerhand Fragen, die ich, weil aufs Zeitunglesen konzentriert, offenbar nicht sinnvoll zu beantworten wusste. „Wusste ich’s doch“, sagte sie, „du konzentrierst dich mehr auf die Zeitung als auf mich!“ Natürlich wiegelte ich ab, aber klar: Zeitung heißt nicht nur lesen, sondern auch abschirmen: ungestört sein – und unbeniest.

Denn wie jedes Jahr um diese Zeit sind alle außer mir vom Heuschnupfen geplagt und es vergeht kaum eine Minute, in der keiner in der Familie niest. Natürlich fühle ich mit ihnen, kaufe Taschentücher und Nasenspray und weiß alles über Ulme, Esche und Birke, auch, weil ich mich ein bisschen schlecht fühle. Ich habe null Allergien und kann mit fünf Katzen im Arm in einem Heustadl übernachten und dabei Sellerie mit Spuren von Erdnüssen essen: Ich werde nicht niesen. Ich niese so selten, dass ich mir merken kann, wann ich zuletzt geniest habe. Wenn andere Leute sagen: „Wisst ihr noch, 2014 wurde Deutschland Weltmeister, da sage ich: Ja, genau, das weiß ich noch, weil ich da zuletzt geniest habe.“ Bei meiner Familie dagegen reicht es, wenn drei Straßen weiter eine Katze ein Haar verliert – alle explodieren.

Erstaunlicherweise muss ich seit Kurzem auch niesen, ziemlich viel sogar. Meine Frau tröstet mich auf brutale Weise: „Das kann schon passieren, dass man im Alter Allergien bekommt.“ Ich dagegen weiß, dass ich einfach nur erkältet bin. Trotzdem habe ich recherchiert und unter anderem herausgefunden, dass man mit mindestens 150 km/h niest. Sofort hatte ich verschiedene Fragen: Wie kann man diese enorme Energie ins Stromnetz einspeisen? Wie schnell fliegen die Partikel, wenn ich mit einem Ferrari 300 km/h fahre? Und dann: Lebt eigentlich Herr S. noch?

Herr S. war ein Nachbar, gewaltiger Garten, gewaltiger Heuschnupfen. S. nieste so laut, dass man es noch auf dem Fußballplatz hören konnte. „Ich glaube, es kommt ein Gewitter“, sagte immer einer, und ein Nachbarkind beruhigte: „Nein, Nachbar S. hat geniest.“Das Niesen von Herrn S. war ein Brüllen, auf das man mit „Nicht schießen!“ reagierte, nicht mit „Gesundheit!“ Meine Tochter dagegen niest still in sich hinein, meine Frau fächert sich Luft zu, als würde sie ersticken, mein Sohn läuft schon eine Minute vorher schreiend durchs Haus und explodiert als schleimige Bombe.

Und ich, mangels Nies-Erfahrung, bin völlig ungeübt und auf der Suche nach meinem Stil. Manchmal platzt es heraus, manchmal entsteht ein geradezu klischeehaftes „Hatschi!“, manchmal kommen beim Niesen komische Begriffe heraus, Kawumm, Beton, Ding-Dong, oder so etwas. Und wenn meine Frau Recht hat und ich werde zu einem Brüller wie Nachbar S.?

Irgendwann werden meine Enkel auf der Wiese Fußball spielen, ein Kind wird rufen: „Ich habe ein Ding-Dong gehört, hat es geklingelt?“, und meine Enkelin wird sagen: „Nein, das ist mein Opa, der niest immer so komisch!“

In diesem Sinne: „Gesundheit!“ an alle Heuschnupfenopfer!