Alles neu macht der Mai – und da möchte man natürlich sagen: Ja, dann fang mal an, lieber Mai! Vom Weltfrieden bis zum völlig abgesplitterten Gartenzaun wäre allerhand zu tun. Tatsächlich legt der Mai als solcher eher die Hände in den Schoß bzw. in den Gartenstuhl. Alles muss man selbst machen.
Hausrevolutionen, Gartenschnitt, neue Liebe – das ist ja nicht, was der Mai macht, sondern was wir draus machen. Oder auch die Schüler: Die schreiben jetzt gerade Prüfungen und Abitur, Übertrittszeugnisse, pipapo. Macht auch nicht der Mai, machen sie selbst. Immerhin, wenn alle dann mit ihrem Schulkram fertig sind, stehen den beneidenswert jungen Menschen alle Möglichkeiten offen. Darum kann man sie beneiden: die Zukunft als großes, weißes Blatt Papier, auf das man nach Lust und Laune schreiben kann!
Wer da neidisch wird und gern wieder einmal so viele Möglichkeiten hätte, dem empfehle ich wärmstens einen Besuch im Baumarkt. Denn nirgendwo werden mehr Träume geweckt. Wenn ich im Baumarkt bin, ruft mir jedes Produkt zu: „Nimm mich, du kannst es, auch du hast alle Möglichkeiten, auch du kannst selbst ein Badezimmer bauen.“ Kaum bin ich aber zu Hause, rufen die gleichen Produkte: „Hmm, vielleicht kannst du es doch nicht. Und außerdem sind wir die falschen Produkte.“ Aber immerhin während des Einkaufs war es schön. Und es sind ja nicht nur Saunen, Komposthaufen, Whirlpools und andere Wohlfühlträume, die in Baumärkten verkauft werden. Auch völlig banale Produkte bergen tiefe Geheimnisse. Man muss nur die Gebrauchsanleitung lesen.
So hatte ich mir kürzlich einen neuen Gartenschlauch gekauft. Meine Erwartung: auspacken, anschließen, gießen. Stattdessen standen da Hinweise, auf die ich als fantasieloser Mensch nie gekommen wäre: „Wasserhahn abstellen, wenn Gartenschlauch nicht in Benutzung!“ Aber es wurde noch besser: „Nicht mit dem Schlauch Seilspringen“ und „nicht zum Klettern verwenden“. Durch die Gefahrhinweise wurde meine Fantasie erst richtig angeregt – Schlauch-Yoga als Weg zum inneren Wasserhahn: „Bringen Sie einen verknoteten Schlauch ohne Fluchen auseinander und finden Sie zu sich selbst!“
Wenn ein Gartenschlauch schon so versteckte Eigenschaften hat, wie steht es dann erst mit anderen Dingen im Alltag? Zum Beispiel wäre der Laptop, auf dem ich gerade schreibe, eigentlich auch ein ideales Schneidebrett, wenn ich ihn zuklappe. Oder ein praktischer Briefbeschwerer. Eine Käseplatte. Oder noch vieles mehr. Und ich? Welche Möglichkeiten habe ich selbst? Vielleicht wäre ich ein hervorragender Angler. Oder Dudelsackspieler. Oder ein toller Frisör? Viele Möglichkeiten!Alles neu macht der Mai. Und ich gern auch Ihre Haare!