München im Mai 2025: Chloé war irritiert. Sie lebte damals noch nicht lange in Deutschland und hatte ein Banner entdeckt, das neben dem Eingang eines Gymnasiums hing: „Heute ist ein guter Tag, Geschichte zu schreiben“, stand da in krakeliger Handschrift auf einem ausrangierten Leintuch. Was war das? Ein Aufruf zur Revolte? Was würde der Tag wohl bringen? Ich konnte Chloé beruhigen: Am vermeintlichen Tag der Revolution fanden in Bayern lediglich die Abiturprüfungen statt, und zwar im Fach Geschichte. Ein guter Tag, Geschichte zu schreiben, eben. Und ein Mensch, dessen Wortwitz ich mir gerne ausleihen würde, wünschte mit dem Plakat am Schultor viel Erfolg.
Wer sich dieser Tage einem Gymnasium nähert, wähnt sich in einer Glücksbringer-Demo: „Hau rein, Lukas!“, steht auf einem Plakat. Oder: „Nur noch heute Algebra, Bro!“ Andere Eltern beauftragten wohl einen Drucker, um ihre Tochter anzufeuern: Ein riesiges Plakat wünscht Emilia Glück und zeigt ein Foto von ihrem ersten Schultag. Interessant: Passend zu ihrer Schultüte trug Emilia seinerzeit ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Abi 2025“. Hoppla! Haben sich Emilias Eltern damals verrechnet? Oder gab es eine Vertragsverlängerung wegen Latein?
Im Grunde ein schönes Zeichen: Die Eltern fiebern mit ihren Kindern mit. Das war sicher schon immer so. Allerdings passiert es nun öffentlich. Passt doch:An Geburtstagen bekommt man ja auch kaum noch Anrufe. Wer zeitgemäß gratulieren will, postet eine Story auf Insta.
Aber zurück zu den Eltern: In meinem Bekanntenkreis gibt es eine Mutter, die während der Abiturprüfungen ihres Sohnes mitlitt, als wäre sie eine externe Festplatte, auf der das Adrenalin des Prüflings gespeichert wird. Der Sohn blieb cool, über Wochen, ach was: über Schuljahre hinweg, während sich die Mutter in der Arbeit kaum konzentrieren konnte. Er bestand die Prüfungen. Und sie feierte das auf dem Abiball mit dem Engagement, das sie sich von ihrem Sohn in der Schulzeit gewünscht hätte. In anderen Worten: Sie war die erste an der Bar und ertränkte dann zwölf wackelige Schuljahre in Aperol Sprizz. Der Sohn erzählt noch heute grinsend von Dingen, an die sich die Mutter nicht mehr erinnern kann.
Es heißt, Kinder halten jung. Stimmt! Manche Eltern müssen mehrmals das Abitur bestehen. Aber sie feiern eben auch wie mit achtzehn. Ich weiß gerade nicht, ob ich sie darum beneide.
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