Der neue Schwurgerichtssaal. © M. Schlaf (2), A. Schmidt
Von oben ähnelt das Gebäude dem amerikanischen Pentagon, innen regieren Holz und Naturstein.
Mehr als fünf Jahrzehnte Verbrechen: Die Spuren haben sich im alten Strafjustizzentrum in der Nymphenburger Straße in die Wände gefräst. In Kopfhöhe über den Sitzen am Gang haften seit Jahren die Abdrücke der Hinterköpfe von Menschen, die ihre Zeit dort mutmaßlich eher unfreiwillig verbracht haben. Das Gebäude ist marode – der Bunkerbau (farblich innen ocker bis olivgrün) ist aus der Zeit gefallen, von Asbest-Problemen ganz zu schweigen. Es gibt die Legende, dass das Haus einst so konzipiert wurde, dass man sich nicht gerne darin aufhält.
Das ist jetzt vorbei. Am Leonrodplatz wurde seit 2015 ein moderner Neubau hochgezogen: 434 Millionen Euro teuer ist das neue Strafjustizzentrum, das gestern eingeweiht wurde. Vier Gerichte und zwei Staatsanwaltschaften sammeln sich ab Juli unter einem Dach – 1300 Mitarbeiter ziehen bis dahin noch um, in 850 Büros. 54 Sitzungssäle wird es auf 39.000 Quadratmetern Nutzfläche geben – „das ist fast acht Mal der Marienplatz“, sagte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) in seiner Festansprache. Er lobte den Neubau als „starkes Signal für den Rechtsstaat“. Das Gebäude sei „einladend, transparent und sicher“.
„Es ist ein großer Tag, den wir herbeigesehnt haben“, sagte Bayerns Justizminister Georg Eisenreich (CSU). Kein Wunder: Bereits 2020 sollte der Neubau eigentlich fertig werden (siehe Kasten), heute gilt er als „Flaggschiff des staatlichen Hochbaus. Aneinandergereiht hätten allein die Betonmischer eine Länge von 90 Kilometern gebildet“, sagte Bauminister Christian Bernreiter (CSU). Mehrere Jahre lang war der Neubau am Leonrodplatz die größte Hochbaustelle im Freistaat. 100 Firmen und 35 Planungsbüros waren beteiligt. In München schaffe es „beste Voraussetzungen für effiziente Abläufe, kurze Wege und eine starke Münchner Strafjustiz“, sagt Eisenreich.
Mittendrin liegt ein begrünter Innenhof. Dazu Passivhaus-Standard, großzügige Glasfassaden und topmoderne Büros, die von Knast-Insassen (in Stadelheim und Amberg) geschreinert wurden. „Ich frage mich, wo sie das Spa untergebracht haben“, frotzelte Söder – denn mancher Besucher wähnte sich gestern im Luxushotel. Innen regieren Holz und Naturstein. Hell, schick und freundlich wirkt der Neubau – in dem ab Juli verhandelt wird.
Die ganz großen Verfahren werden in einem Spezial-Gerichtssaal stattfinden: Deutschlands größter mit 280 Quadratmetern. Sein Name: „Neu-Ulm“ und „Illertissen“ – weil man ihn trennen kann. Die Namen ergeben sich bei allen Sälen aus den größten Städten bayerischer Landkreise.
Was trotz allem Schick auffällt: Gerichtssäle mittlerer Größe haben teilweise nur 17 Sitzplätze für Zuschauer und Journalisten, gerade mal zwei Reihen. Die Öffentlichkeit soll staunen – passt aber kaum hinein.ANDREAS THIEME