Reisen ist eine wunderbare Sache. Es heißt, es erweitere den Horizont. Jenseits des eigenen Tellerrands versteht zwar vielleicht nicht jeder so schöne Worte wie „Zeitlang“ oder „Biafuizl“. Dafür aber kann man spüren, wie andere Menschen reden, denken, leben. Allerdings: Die Horizonterweiterung kommt manchmal mit einem ziemlich großen Fragezeichen daher.
Vergangene Woche verließ ich den Bereich, in dem die Menschen so schöne Formulierungen verstehen wie „Förderung von E-Lastenfahrrädern“ oder „Eine Latte bitte, aber nicht zu milchig!“, sprich: die Münchner Isarvorstadt. Stattdessen ließ ich mir auf der Schwäbischen Alb eine Ölmühle erklären – und mit ihr ein ganzes Weltbild, in nicht mehr als drei Sätzen.
Es begann mit einer sonderbaren, braun gesprenkelten Scheibe, die mir der Besitzer der Mühle zeigte. „Das ist der Presskuchen“, sagte der Mann, „der bleibt beim Pressen von Walnussöl übrig.“ Ich fragte zurück, was damit geschehe. Und der Öl-Müller erklärte mit größter Selbstverständlichkeit: „Das nehmen die Frauen mit nach Hause. Da machen sie mit ihrem Thermomix ein Mehl daraus. Und das geben sie dann ihren Männern ins Müsli.“
Von der restlichen Führung bekam ich nicht viel mit. Ich war zu sehr damit beschäftigt, im Geiste meinen Bekanntenkreis durchzugehen mit der Fragestellung, ob es darin eine einzige Frau gibt mit Thermomix und Müsli-Mann. Die Antwort lautet: Nein! Die Männer aus meiner Blase können sich alle ihr Müsli selbst zubereiten. Und wenn sie behaupten, sie könnten kochen, dann meinen sie wirklich kochen – und nicht grillen. Das ist auch gut so. Denn ihre Frauen haben gar nicht die Zeit für das Rollenbild des schwäbischen Öl-Müllers, geschweige denn: Lust darauf.
Oder anders erklärt: In meiner Berufswelt geht es aktuell um die Frage, ob man noch „Schauspielerinnen und Schauspieler“ sagen darf – oder ob es „Schauspielende“ heißen muss. Und in einer durchschnittlichen Münchner Küche steht man eben vor der Wahl: „Arbeitsfläche oder Thermomix?“ Käme mich der schwäbische Öl-Müller besuchen, fiele sein Urteil über uns Münchner ähnlich vernichtend aus wie das von Obelix über die Römer. Wenn man aber versucht, sich in seine Welt hinein- und aus seiner Welt herauszudenken, dann wirkt das auch recht logisch.
Was könnte man nur unternehmen, damit sich Stadt und Land besser verstehen? Ich versuche es mit: Kolumnen schreiben. Wer dazu keine Gelegenheit hat, der möge neugierig bleiben und reisen!