Unter den Rock fotografieren ist eine Straftat.
Die Rolltreppe am Stachus, zur Wiesn-Zeit steigen laut Polizei die Fallzahlen. © Marcus Schlaf, imago
Beobachtet täglich Spanner: Biss-Verkäufer Dirk Schuchardt an seinem Verkaufsplatz. © Marcus Schlaf
„Diese Treppe ist ein totaler Zielort für Spanner!“ Das sagt Dirk Schuchardt, seit 20 Jahren Biss-Verkäufer am Fuß der großen Stachus-Rolltreppe zum Brunnen rauf. Erst vergangene Woche hat Schuchardt wieder einen Handy-Spanner gestellt – einen jener Sexualstraftäter, die Frauen unbemerkt unter den Rock fotografieren. Man nennt das im Englischen „Upskirting“. Mithilfe eines Passanten konnte der Spanner der Polizei übergeben werden (wir berichteten). Jetzt erzählt Schuchardt von seinen Erlebnissen aus zwei Jahrzehnten. „Ich erkenne meine Schweine schon am Gang“, sagt er.
Sobald das Wetter besser und die Röcke kürzer würden, beobachte er täglich Spanner, erzählt er. Die Polizei ruft er nicht immer: „Stattdessen spreche ich viele selbst an, sage ihnen die Meinung und signalisiere ihnen so, dass sie gesehen werden. Dem Letzten, der geschnappt wurde, habe ich gesagt, dass ich ihm am liebsten eine überbraten würde.“
Dass die Röcke-Blitzer nicht harmlos sind, weiß Schuchardt von so einem Zusammenrücken 2009. Da erzählte ihm ein Täter, dass er mit den Fotos gutes Geld im Internet verdiene. Perfide, findet er, denn die allermeisten Frauen bemerkten gar nicht, dass jemand unter ihren Rock fotografiert.
Dass ein Spanner gestellt wird, ist eher selten. Wie zum Beispiel vor über zehn Jahren, als Schuchardt ein dicker Fisch ins Netz ging: Der damalige Bürgermeister der Gemeinde Scheyern fotografierte vor seinen Augen Frauen unter den Rock. Der Politiker wurde damals wegen einer Ordnungswidrigkeit verurteilt. „Damals war Upskirting noch keine Straftat“, sagt Schuchardt. „Inzwischen ist es eine, unter anderem weil ich mich zusammen mit anderen dafür eingesetzt habe.“
Die Polizei hat an der Stachus-Rolltreppe bisher noch keine Häufung von Upskirting-Anzeigen notiert. „Aber diese Taten werden auch sehr selten angezeigt“, sagt Polizei-Oberkommissar Tobias Schenk. „Deshalb haben wir für München auch keine Zahlen zum Upskirting.“
Nur während der Wiesn steigen laut dem Beamten die Anzeigen. Das Unter-den-Rock-Fotografieren zu verhindern, sei schwer, sagt die Polizei. Die Täter hätten keine erkennbare Methode, arbeiteten mit Handy-Teleskopstab oder auch ohne. Auch Schuchardt hat in 20 Jahren keine Schutzstrategien erkannt. „Frauen sollen ja anziehen dürfen, was sie wollen“, findet er, „umso wichtiger ist es, Upskirting härter zu bestrafen.“
Nur eines helfe gegen das Upskirting, rät Polizist Tobias Schenk den Frauen: „Schaut‘s aufeinander! Wenn jeder auf den anderen schaut, wird auf jeden geschaut.“
Und: „Wer Upskirting beobachtet, soll uns sofort verständigen. Nur so kann man der Täter habhaft werden.“ISABEL WINKLBAUER