MÜNCHNER FREIHEIT

Komplimente to go

von Redaktion

In der Münchner Innenstadt läuft gerade ein interessantes Projekt. An Stromkästen, Ampeln und Fassaden hängen Zettel, von denen man an einer Seite kleine Streifen abreißen kann. Auf den Zetteln steht: „Nimm Dir ein Kompliment und verschenke es! Oder behalte es, wenn es Dir guttut!“ Und auf den Abschnitten zum Abreißen findet man Komplimente. Aber interessant: Diese Abschnitte sind immer schon weg. Offensichtlich haben die Münchner aktuell einen großen Bedarf an kleinen Aufmerksamkeiten. „Kein Wunder in diesen Zeiten!“, seufzen diejenigen, die sich für Politik interessieren. Und die Allergiker. Und die Sechzger-Fans. Also drei Mal ich.

Dabei ist das Prinzip Kompliment sehr simpel. Man sagt einer Person etwas Positives, das man an ihr beobachtet hat. Könnte man in der Theorie ständig machen, macht man in der Praxis aber nie. Denn ein Kompliment kann sehr schnell sehr komisch wirken. Einer unbekannten, deutlich jüngeren Frau sagen, dass man ihre Augenfarbe schön findet – das ist völlig übergriffig. Einem Jogger zurufen, dass sein Laufstil ungemein elegant aussieht – wirkt wie ein ungelenker Anmachversuch eines Wichtigtuers. Dem Ehemann sagen, dass er vergangene Nacht viel leiser geschnarcht hat als sonst – hat was von Themaverfehlung.

Fakt ist: Die meisten Menschen würden sich durchaus über ein Kompliment freuen. Und den meisten würde es auch nicht schwerfallen, mal ein Kompliment auszusprechen. Problematisch wird es, sobald jemand anfängt, über die Umstände nachzudenken. „Warum sagt der andere das jetzt?“, fragt sich der Gelobte. Und der Lobende denkt: „Hoffentlich versteht der andere das nicht falsch.“ Und schon herrscht Misstrauen statt Freundlichkeit und Freude. Vielleicht sind wir auch alle einfach zu verklemmt, um nett zu sein.

Insofern sind die Münchner Komplimente to go eine großartige Aktion. Ein Spiel mit lieben Worten. Wer nicht mitspielen will, wirft den Zettel einfach weg. Und die anderen freuen sich drüber – und gehen weiter. Hintergedanken gibt es keine. Nur die Hemmschwelle ist viel niedriger. Jetzt müsste es nur noch gelingen, aus einer kleinen Zettelaktion in der Münchner Innenstadt eine deutschlandweite Bewegung zu machen. Und schon stünde die Bundesrepublik besser da. Ach, ich träume schon wieder zu viel.

Ich setze natürlich voraus, dass die stets vergriffenen Komplimente auf dem Zettel auch wirklich schön sind. Wenn nicht, dann könnte man ja nachhelfen und eigene Zettel basteln. Vielleicht ist das gar nicht so schwer, wie man denkt.

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