MÜNCHNER FREIHEIT

Vom Segen einer langen Fußball-WM

von Redaktion

Takatuka, Zamonien und Mittelerde. Bei der diesjährigen Fußballweltmeisterschaft darf man die Welt kennenlernen, denn es gibt mehr Mannschaften, mehr Spiele, mehr Werbepausen und keine Zeit mehr für irgendwas anderes. Die WM dauert vom 11. Juni bis 19. Juli, also extralang, wenn auch zu ungewohnten Übertragungszeiten. Von Parallelveranstaltungen wie runden Geburtstagen, Jubiläumsfeiern oder Eheschließungen ist abzuraten. Irgendwo nebenan findet sich immer ein Bildschirm, der den Festsaal beschämend ausdünnt. Und jegliches Brautverziehen landet unumgänglich beim Public Viewing. Dies führt zu 90 Minuten brautlosem Feiern, womöglich noch mit Verlängerung und Elfmeterschießen, und vielleicht kehrt die Gattin erst nach Schwabinger Hup-Parade und im Siegestaumel fehlgeleitetem Ehe-Vollzug in den trauten Hafen zurück. (Das mit dem Hupen wird für die Leopoldstraße übrigens eine Herausforderung, wenn so ein Morgenspiel erst um 5 Uhr 30 gewonnen wird.) Ebenfalls zu vermeiden sind Todesfälle oder schwere Unfälle. Die gebotene Andacht bei den Trauerreden ist nach nächtlichen Spielen stark gefährdet, und auch die Krankenhausbesuche geraten weniger empathisch. Kindergeburtstage können, wenn auch schlechter vorbereitet, stattfinden und müssen nicht mit dem Satz „Dieses Jahr hast Du gar nicht Geburtstag, dafür spielt heute Usbekistan gegen Katar!“ verheimlicht werden.

Konzerte fallen überwiegend aus, die Theater fahren Sparkurs, die Gaststätten müssen irrsinnige Kosten für TV-Lizenzen aufbringen, um überhaupt noch Gäste zu haben. Fänden die Spiele am Nachmittag statt, wäre die Lage anders. Die Bevölkerung könnte es während der Arbeitszeit schleifen lassen und abends zu Theater oder Sinfonie gehen. Die Folge wäre eine absolute Ausnahmesituation: Der Wirtschaft ginge es schlecht und der Kultur gut. Beides wird beim Sommermärchen 2026 nicht eintreten, aber vielleicht verhilft wenigstens die deutsche Mannschaft dem Land zu guter Stimmung. Zum Beispiel mit einem Finalsieg gegen Kap Verde. Dann sind wir wieder wer.

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