Wieder einmal neue Rekorde, was die Beliebtheit Münchens angeht! Kürzlich konnte man in dieser Zeitung lesen, dass die Stadt bis 2045 auf 1,8 Millionen Menschen anwachsen wird. Nun wurde ich am Wochenende Zeuge, wie massenhaft der Zuzug stattfindet.
Denn innerhalb nur eines Wochenendes verdreifachte sich allein bei mir in der Straße die Zahl der Einwohner: Maiers wieder da, Hubers wieder da, Müllers wieder da: 200 Prozent mehr Bevölkerung als in den Pfingstferien, als gefühlt jede Luftmatratze, die im Winter im Keller liegt, irgendwo im Mittelmeer Auferstehung feierte. Für alle Seiten wunderbar: Die da waren, waren die los, die weg waren, und die weg waren, waren weg. Jeder konnte gut aufeinander verzichten. Und in der Isar wurden bestimmt Delfine gesichtet, so ausgestorben war die Stadt.
Da die letzte Erinnerung bekanntermaßen die stärkste ist, drehten sich bei uns am Wochenende die Gespräche in der Nachbarschaft vor allem um die Rückkehr, wie beim Traktor-Quartett von Achtjährigen: Wer bietet mehr an Zylindern, Hubräumen und Kilometern? „Wir sind um 5 Uhr morgens losgefahren!“ – „Ha, wir um 4.“„Wir haben den Brenner vermieden!“ – „Ha, wir sind über die Südhalbkugel und dann von Skandinavien zurück nach München!“
Ich hörte die Geschichten der anderen mit großer Leichtigkeit, denn ich wusste wie beim Quartett: Ich kann auf meine Supertrumpf-Geschichte vertrauen, so wie beim Flugzeug-Quartett auf die Concorde und beim Traktor-Quartett auf die 5 Meter großen Räder des Maxi-Traktors. Mein Supertrumpf, der alle zum Verstummen brachte, hieß: 13 Stunden brutto, 11 Stunden netto für eine harmlose Strecke von Norditalien zurück nach München. Selten habe ich so sehr mit den Hamstern dieser Welt gefühlt. Man schaut aufs Navi und obwohl man fährt, wird die Zeit doch immer länger. Da freue ich mich auf den ganz normalen Berufsverkehr.
Nächstes Jahr kann die Familie allein an die Adria fahren, ich bleibe hier. Denn hierbleiben lohnt sich, das sieht man an Nachbar R. Klar ist er zwei Wochen brav ins Büro gegangen, klar hat er abends reihum gegossen und das ein oder andere Paket für alle Familien angenommen, aber bei allem Dankeschön: Du, lieber R., hattest auch eine super Zeit, Hand aufs Herz! 1) Alle Nachbarn weg. 2) im Büro nix los. 3) Und wenn alle wieder da sind, fährt R. selbst in Urlaub.
Ich werde es machen wie R., für den Rest meines Lebens. Nur eins muss ich in Kauf nehmen: die Mitbringsel von Müllers, Maiers, Hubers – und Zöllers: Die trockenen Kekse, die noch irgendwo an der Raststätte gekauft wurden, die Flasche Wein, die nicht vom Urlaubsort kommt, sondern aus dem Keller – und die Salami, die nach einer fünfstündigen Autofahrt noch gut gewesen wäre, aber nicht nach dem 13-Stunden-Supertrumpf.