Den Saubären auf der Spur

von Redaktion

Tonnenweise illegaler Abfall – Dieser Reinigungstrupp räumt hinter den Münchnern auf

Ein Flaschenmeer an einer Wertstoffinsel (li.). Das CBA-Team kommt mit eigenem Laster – und der ist schnell voll.

Alfredo Ferrari an einer Wertstoffinsel. Er und seine Kollegen räumen auf. © Oliver Bodmer (2)

Kaputte Möbel, verdorbene Lebensmittel, zerschlissene Klamotten, alte Bildschirme, ätzende Autobatterien: Das alles dürfte eigentlich nicht in oder an den öffentlichen Wertstoffcontainern liegen – tut’s aber trotzdem! Unsere Reporterinhat einen Tag lang einen Reinigungstrupp der Cooperative Beschützende Arbeitsstätten (CBA) begleitet. Das Team räumt den Dreck weg, den andere hinterlassen haben – auf der Spur der Saubären.

Zimperlich darf niemand sein, der bei der CBA im Umweltteam arbeitet. Denn was die etwa 25 Mitarbeiter des Vereins Tag für Tag rund um 570 Münchner Wertstoffinseln der Firmen Remondis und Wittmann einsammeln, ist nicht nur unappetitlich, sondern oft auch gefährlich, weiß Betriebsleiter Werner Untch (53). Er sagt: „Einfach alles, was der Mensch nicht mehr will oder braucht, wird an den Recyclingcontainern – obwohl verboten – heimlich, meist nachts, hingeschmissen. Egal ob Sofa, Fernseher, Glasscheiben oder Kanister mit Lacken. Und es wird leider immer mehr und schlimmer.“ München, man merkt es hier, ist nicht nur die Stadt der Millionäre, sondern auch die Stadt der Müllionäre.

Montags bis freitags, bei Wind und Wetter, sind die CBA-Leute unterwegs. Im Lkw, ausgestattet mit Schutzkleidung. Mit Besen, Schaufeln, Rechen und einer schwarzen Plastikwanne machen sich die Männer auf ihre Müll-Touren. An diesem regnerischen Dienstagmorgen startet Werner Untch um acht Uhr mit seinen Kollegen Alfredo und Alexander am Rand von Sendling. Der schöne Straßenname der Einhornallee täuscht: Hier liegt einer der regelmäßig dreckigsten Container-Standplätze im Münchner Südwesten. „Nach Feiertagen oder langen Wochenenden ist es besonders schlimm“, berichtet Untch. Alfredo hat auch schon alles gesehen: „Ich arbeite seit 31 Jahren bei der CBA.“

Und tatsächlich. Was bei der Anfahrt an den Remondis-Standort auf den ersten Blick „sehr schmutzig“ aussieht, entpuppt sich auf der Rückseite schlicht als widerliche Sauerei: Hier liegen neben einem in viele Einzelteile zerlegten Kinderbett samt Lattenrost, verschmutzter Matratze und Bettzeug ein fahrtüchtiges Dreirad, viel Spielzeug, unzählige mit Haushaltsdreck gefüllte Kartonagen und aufgeplatzte Müllsäcke. Halb leere Dosen und gammelige Tiefkühlware liegen herum, dazu kommt querbeet verstreute Altkleidung, dazwischen kiloweise Zwiebeln, Verpackungsmüll jeder Art – und offensichtlich menschliche Exkremente. Auf einem Karton neben dem Kothaufen findet sich auch der Name eines „Entsorgers“. Der Adressaufkleber verrät den Wohnort: nur 30 Meter weiter, in einem Wohnblock. „Manchmal klingele ich dann da“, erzählt Untch, „weise die Menschen darauf hin, dass das eine Anzeige zur Folge haben kann.“ Heute verzichtet er darauf, schließlich warten die nächsten Standorte auf dringende Reinigung. Also ist 20 Minuten später der Ekel-Ort gesäubert, das Team fährt weiter.

An den folgenden Wertstoff-Inseln in Richtung Großhadern über den Westfriedhof nach Laim sammeln die Männer unter anderem einen schweren Gaming-Stuhl, Regalbretter, einen XL-TV-Bildschirm sowie zig Obstkisten. Immer wieder im Sortiment: nasse und stinkende Textilien, hunderte Flaschen und Gläser. Und das, obwohl saftige Strafen drohen, wenn jemand bei der illegalen Entsorgung erwischt wird. Je nach Schwere des Falls kann die Buße zwischen fünf und mehreren tausend Euro liegen.

An der Station Ludl-/Menaristraße wartet ein durch den Regen zentnerschwer gewordener Sitzsack, vom Wasser vollgesogene Windeleinlagen für Erwachsene. Auch alle diese Gegenstände landen im Lkw, der sich sichtlich füllt. „Mehr geht bald auch nicht in den Laster“, entscheidet Werner Untch schließlich an der Jörg-, Ecke Aindorferstraße, an der er noch eine verdreckte, aber mit dem Zettel „Zu verschenken“ versehene Baby-Wiege aus Holz reinwuchtet. Er befürchtet, dass die Bürger durch ihren Service nicht lernen, Abfälle zu vermeiden, sondern denken: „Den Platz macht ja jemand sauber, also lass ich alles dort.“

Um 16 Uhr ist Arbeitsende. In Feldmoching wird entladen, der Müll gewogen. Bitteres Fazit des Tages: 980 Kilo sind es, die nur dieses Umwelt-Team an einem Tag gesammelt hat.MARIE-JULIE HLAWICA