Christian Schottenhamel (l.) und Peter Inselkammer sind Sprecher der Wiesnwirte. © Marcus Schlaf, Oliver Bodmer
Das Schottenhamel-Zelt ist das traditionsreichste auf der Wiesn. Alexander Egger hat sich auf dessen Standplatz beworben. © Achim Schmidt
Die Wiesn ist ein Fest für München. Heuer ist sie aber auch ein Fest für Juristen. Geschätzte 15 bis 20 hochkarätige Rechtsexperten beschäftigen sich derzeit mit der Frage, ob das Verfahren zulässig ist, mit dem die Stadt die großen Zelte vergibt. Angestoßen hatte dieses Verfahren Wirt Alexander Egger (50), der die Münchner Stubn betreibt (440 Plätze), gern aber einen großen Betrieb hätte. Seine Einschätzung: Nach dem aktuellen System der Stadt hat er darauf keine Chance. Deswegen landete das Thema zunächst bei der Regierung von Oberbayern und liegt jetzt beim Bayerischen Obersten Landesgericht. Im Gespräch erklären Egger sowie seine Anwälte Benno Ziegler und Maximilian Schmid jetzt, warum sie diesen langen (und teuren) Weg gehen.
Egger: „Mein Ziel war schon immer ein großes Wiesn-Zelt.“ Und: „Wir haben eine klare Frage gestellt – und darauf wollen wir eine Antwort. Wir wollen ein faires, transparentes, nachprüfbares Verfahren.“ Das aktuelle System, mit dem die Stadt Punkte vergibt, erfüllt diese Kriterien nach Eggers Meinung nicht. Es gehe ihm darum, dass Neulinge kaum eine Chance auf ein großes Zelt hätten und sich gegen etablierte Familien durchzusetzen.
Eine dieser etablierten Familien sind die Schottenhamels – auf deren Festhalle hat sich Egger beworben (neben Paulaner und der Schützenlisl). Warum ausgerechnet diese Standplätze? Egger sagt, das habe keine persönlichen Beweggründe: „Das war eine rein wirtschaftliche Entscheidung. Paulaner ist ein sehr großes Zelt – und Schottenhamel ist gleichfalls wirtschaftlich interessant.“
Christian Schottenhamel, der nicht nur das Zelt betreibt, sondern auch Sprecher der Wiesnwirte ist, war sehr überrascht von Eggers Vorgehen. Er sagt: „Ich habe Herrn Egger ursprünglich als Freund und Bekannten erlebt. Ich habe ihn in den Vorstand von Tourismus-Initiative und Dehoga geholt.“
Jetzt stehen sich beide in einem Rechtsstreit gegenüber, in dem es um viel Geld geht. Aktuell gilt eine „aufschiebende Wirkung“, die bis 19. Juni dafür sorgt, dass die Stadt keine Verträge mit Schottenhamel und Paulaner abschließen darf. Die Schottenhamels wollen aber in wenigen Wochen mit dem Zeltaufbau loslegen. Michael F. Schottenhamel, der das Zelt mit seinem Cousin Christian führt, sagt über den Aufbau: „Der 20. Juni ist schon ein sehr, sehr später Termin.“
Und möglicherweise könnte sich dieser Termin noch nach hinten verschieben. Denn Egger und seine Anwälte haben angekündigt, dass sie diese aufschiebende Wirkung gern verlängern würden. Für Michael F. Schottenhamel ein Horrorszenario: „Wenn wir nicht rechtzeitig beginnen können, dann stellen wir gar nicht auf. Und dann steht auf dieser Fläche kein Zelt, sondern vielleicht drei Kioske.“ Und Cousin Christian sagt über die Vorstellung, dass auf der Wiesn die Flächen von Schottenhamel und Paulaner leer bleiben könnten: „Steht da dann ein Zaun drumrum? Oder ist das dann eine Fläche für ein paar Karussells?“
Egger und Ziegler sehen diese Gefahr nicht: Sie gehen davon aus, dass die Wiesn heuer stattfinden wird – mit einem Zelt auf jedem Platz. Und Egger sagt: Er würde den Aufbau auch rechtzeitig schaffen. Anwalt Ziegler: „Wir würden das alles nicht tun, wenn es nicht möglich wäre.“
Andere Wirte haben da Zweifel. Steffi Spendler vom Löwenbräu-Zelt etwa sagt über die Aufgabe großer Wiesn-Wirte: „Am Eröffnungs-Samstag ist bis zwölf Uhr nada, aber dann hast Du 8000 Gäste in Deinem Wohnzimmer, die haben alle gleichzeitig Hunger und Durst. Und die musst Du alle schnell bedienen. Wenn Du das als Neuling machen willst: Vergiss es, keine Chance! Für meine Begriffe ist das nicht zu schaffen.“
Wie das alles ausgeht? Schwer einschätzbar. Beide Seiten rechnen sich gute Chancen aus – aber beide berufen sich auch auf die alte Weisheit, vor Gericht und auf hoher See sei man in Gottes Hand. Dieser Zustand kann noch länger andauern, denn Egger kündigt an: „Wir gehen bis zur letzten Instanz.“ Also eventuell bis zum Europäischen Gerichtshof.
Die Wirtesprecher sind fassungslos ob des ganzen Vorgangs. Peter Inselkammer findet: „Sich reinzuklagen, ist keine bayerische Art! Die Wiesn ist ein Gemeinschaftsprojekt.“
Egger wiederum betrachtet die Sache nüchtern. Er sagt: „Natürlich bekomme ich böse Nachrichten, bis hin zu der Empfehlung, ich solle mich um meine Gesundheit kümmern und nicht um die Wiesn. Aber das halte ich aus.“RMI, HEI, TG, SCO