MÜNCHNER FREIHEIT

Gern geschehen, Deutschland!

von Redaktion

Immer, wenn man das Gefühl hat, man kann selbst nichts in der Welt bewegen, ist es gut, wenn gerade eine Fußball-Weltmeisterschaft stattfindet. Dann merke ich wieder, dass ich ganz persönlich eben doch Einfluss nehmen kann auf den Lauf der Dinge: auf Elfmeterschützen, auf Zuspiele, auf den Spiel- und den Turnierverlauf. Ich würde sogar sagen: Ich kann ein in 10.000 Kilometer Entfernung ausgetragenes Fußballspiel zwischen Katar und Bolivien stärker steuern als mein eigenes Leben.

Denn wenn man sich den Alltag anschaut, ist es doch meistens so, als würde man fernsehen, nur leider ist die Fernbedienung kaputt: Denn wie anders ist es zu erklären, dass wir uns tagaus, tagein unser Leben so tatenlos anschauen? Würden wir wirklich, wenn wir eine Fernbedienung hätten, uns morgens um 6.15 Uhr mit Kindern streiten, ob das Salamibrot mit oder nicht mit Butter bestrichen werden soll? Oder würden wir umschalten – und wären dann endlich Surflehrer auf Hawaii?

Ganz anders bei einer Fußball-Weltmeisterschaft. Auch wenn ich hier nicht auf dem Platz stehe – warum auch immer nicht – bin ich mir sehr sicher, dass ich großen Einfluss habe. Nehmen wir einmal die Begegnung von Deutschland gegen Curaçao am Sonntag. Anders als Sie war ich nullkommanull nervös nach dem zwischenzeitlichen Ausgleich, denn ich wusste: Ich habe am Sonntagmorgen mit dem rechten Fuß als Erstes den staubigen Boden meines Schlafzimmers betreten, es kann nichts schiefgehen.

Andere rufen hilflos „ich kann nicht hinsehen“ in brenzligen Spielsituationen, ich weiß, ich kriege das wieder hin. So habe ich vor dem Eckstoß, der zur neuerlichen Führung führte, bewusst gesagt, dass ich mir noch etwas zu trinken hole, weil grundsätzlich weltweit mehr Tore fallen, wenn ich gerade nicht gemütlich auf dem Sofa sitze. Ich stand also auf, holte mir eine Apfelschorle, und zack, stand es 2:1. Ähnlich vor dem Elfmeter zum 3:1: Ich sah auf meine Schuhbandl, die offen waren, und wusste: Wenn ich sie nicht jetzt binde, schießt er daneben. In Verantwortung vor dem wichtigen Ergebnis im ersten Spiel der WM bückte ich mich, band die Schuhe, und siehe da: 3:1.

Manchmal geht die Begabung sogar noch weiter: So sah ich beim Blick in die Augen des Elfmeterschützen Kai Havertz eindeutig, dass er den Elfmeter nach links unten schießen würde, was er auch tat. „Links unten!“, rief ich also beim Anlaufen, der Ball schlug ein, alle drehten sich anerkennend zu mir und waren beeindruckt von mir als unnachahmlicher Mischung aus Experte und Nostradamus. Unter uns: Wenn Sie in den kommenden Wochen in Gesellschaft von Freunden und Familie Eindruck schinden wollen mit Fußballwissen, tippen Sie, dass der Ball beim Elfmeter nach links unten geht, denn dorthin zielen statistisch die meisten Schützen – fast jeder dritte Elfmeter landet dort.

Nach diesem Elfmeter war Pause, danach lief es dann rund, auch weil ich mich noch mal gezwungen sah, spielentscheidend einzugreifen: Auch das 4:1 durch Musiala verpasste ich, weil ich das sichere Gefühl hatte, Chips holen zu müssen, damit Deutschland ein Tor schießt. Gern geschehen! Die anderen Tore bekam Deutschland tatsächlich ohne meine Hilfe hin.