Wenn einem jemand in den Rücken fällt – das ist schlimm. Als Kind ist mir das einmal passiert: Wir hatten Volleyball-Prüfung, der Lehrer hatte mich vergessen, so ein Glück. Da sagt ein Freund: „Der Martin war noch nicht dran.“ Und ich machte mich vor der ganzen Klasse zum Deppen.
Nun habe ich eine neue Erfahrung von „in den Rücken fallen“ gemacht, an diesem heißen Wochenende. Alles, wofür ich im Schweiße meines Angesichts gearbeitet hatte, wurde am Sonntag von meiner eigenen Familie zunichtegemacht. Von denen, für die ich schwitze.
In meiner Familie bin immer ich schuld, wenn es zu warm oder zu kalt ist. „Du drehst die Heizung heimlich ab“, heißt es im Winter. „Warum hat unser Planschbecken keine Rutsche mit Looping?“, heißt es im Sommer. Meine Heinzelmännchen-Arbeit in diesen tropischen Nächten bemerkt keiner: Abends, wenn alles schon schläft, ziehe ich von Zimmer zu Zimmer und öffne die Fenster, morgens, wenn alles noch schläft, schließe ich die Fenster wieder. Ich bin sozusagen unser analoges Smarthome – nur ohne „smart“.
So war es natürlich auch am Samstag. Nachdem ich zwei klebrige Kinder, die beim Deutschlandspiel eingeschlafen waren, erfolgreich von der Couch gelöst hatte, kümmerte ich mich um die Klimazonen zwischen Küche und Schlafzimmer. Wo Fenster kippen? Wo ganz aufmachen und vorher noch sieben Kuscheltiere und fünf Schulbücher von der Fensterbank räumen? Wo könnte ein Zug entstehen, der die Türen zuschlagen lässt und ein Kindheitstrauma erzeugt? Natürlich stand ich als Heinzelmännchen wieder früh auf:Fenster zu, Rollläden runter. Beim Frühstück hatte es nur 23 Grad in der Küche, während draußen schon die Luft flirrte. Gute Arbeit, sagte ich mir. Dass ich von meiner Frau dafür gelobt werde, erwarte ich als langjähriger Ehemann natürlich längst nicht mehr.
Doch auch Heinzelmännchen werden müde. Mittags legte ich mich hin – und wachte auf mit einem weihnachtlichen Geruch in der Nase, dem ich bis in die Küche folgte. Dort sah ich zwei über und über schwitzende Familienmitglieder, ein Küchenthermometer bei 32 Grad – und ein Blech frische Vanillekipferl: Mein Sohn zeigte mir stolz die zurückerhaltene Deutsch-Schulaufgabe: „Vorgangsbeschreibung“. Bewertung des Lehrers: „Du hast sehr anschaulich beschrieben, wie man Vanillekipferl bäckt. Gesamtnote 1.“
Den ganzen Sommer bleibt jetzt der Duft der Kipferl. Und die Hitze – danke, lieber Deutschlehrer. Wenn es irgendjemand mal zu kalt ist im Winter, weiß ich jetzt, was zu tun ist: Wir backen Vanillekipferl. Und morgen in sechs Monaten ist immerhin schon Weihnachten.redaktion@ovb.net