Schwitzen für Toleranz

von Redaktion

213 Gruppen: Polit-Parade beim Christopher Street Day wird so groß wie nie

Victor Görgey wird stolz seine Schärpe tragen. © Privat

Mehr als 300.000 Menschen kamen 2025 zum CSD. Ab heute wird drei Tage lang auf der Ludwigstraße gefeiert. © Uwe Lein

Sie sind schrill, sie sind laut – und sie sind so viele wie nie zuvor. 213 Gruppen laufen am Samstag bei der großen Polit-Parade zum Christopher Street Day (CSD) mit. Der Wagen 64 dürfte manchen besonders auffallen. Denn dort, beim Münchner Löwen Club (MLC), ist Victor Görgey (45) dabei. Er trägt dann voller Stolz eine Echtleder-Schärpe – er ist Bayerns Mr. Fetisch 2026. „Es wird etwas ganz Besonderes sein, uns so in unserer Vielfalt zeigen zu können“, erzählt er. Zweimal wird er auf einer Bühne stellvertretend für seine Gemeinschaft sprechen. Bunt, bunter, CSD!

Die Münchner Löwen – nicht zu verwechseln mit dem Fußballverein der Sechzger – zählen nach eigenen Angaben zu den größten schwulen Fetisch-Vereinen der Welt. Bis 2024 wählten sie den Mr. Leather (also Leder). Seit 2025 küren sie stattdessen den Bavarian Mr. Fetish für ein Jahr. Der Titel zeichnet jemanden aus, der durch seine Schärpe nicht nur auffällt, sondern sich auch für Akzeptanz und Sichtbarkeit seiner Community einsetzt. Seit März trägt nun der Münchner Victor Görgey den Titel. Er arbeitet in der Software-Entwicklung. Vor ihm liegen drei Tage Trubel und Termine. „Zum Glück muss ich nicht so viel Stoff tragen“, erzählt er lachend. Vielleicht trägt er einfach Lederhose und -schärpe. Gscheid schwitzen wird er bei rund 35 Grad trotzdem – alles für mehr Toleranz.

Seine Priorität: präsent sein. Das neue Fest zwischen Odeonsplatz und Siegestor – die rund ein Kilometer lange Pride-Meile – startet diesen Freitag um 16 und endet um 1 Uhr. Die große Polit-Parade beginnt am Samstag um 12 Uhr und führt vom Glockenbachviertel über die Altstadt zur Ludwigstraße. Gefeiert wird bis 1 Uhr, am Sonntag von 16 bis 23 Uhr.

Die MLC-Bühne ist bei der Staatsbibliothek. Am Samstag um 16.30 Uhr wird Görgey dort darüber sprechen, welche Bedeutung die Schärpe für seine Community hat. Seit Jahren engagiere er sich für die schwul-queere Szene, etwa im Schwulen Kommunikations- und Kulturzentrum (Sub) an der Müllerstraße. Er spricht offen über seine Geschichte: „Ich bin Missbrauchsopfer.“ Durch seine Arbeit lernte er, er selbst zu sein. Und seinen Schmerz in Stärke zu verwandeln. Und diese Kraft will er auf die Straße bringen. Mut machen. Denn queere Menschen kämpfen mit Ausgrenzung und Gewalt.

Kürzlich verwies Bayerns Sozialministerin Ulrike Scharf (CSU) auf neue Zahlen zu Hasskriminalität. So hätten sich die Taten zwischen 2021 und 2025 fast verdoppelt. Bundesweit habe es 2025 insgesamt 2400 Fälle gegeben, fast 13 Prozent mehr als im Vorjahr. Demnach wird immer häufiger gegen queere Menschen mobilisiert, vor allem von rechtsextremistischen Gruppen. Deswegen ist der CSD für Victor auch immer politisch – nicht nur schweißtreibender Spaß.REGINA MITTERMEIER

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