Kürzlich habe ich festgestellt, dass unser Geburtstagskalender eigentlich weniger ein Kalender ist, sondern eher eine Art Bermudadreieck. Alles verschwindet, keine Signale, keine Hinweise auf irgendwas. Und nach heutigem Stand sind mir mindestens schon zwei Menschen beleidigt.
Der erste ist mein Sohn. Der hat als Quirin am 16. Juni Namenstag und leider fiel uns das erst um 6:48 Uhr an diesem Tag ein. Meinem Sohn ist sein Namenstag sehr wichtig. Um 6:49 Uhr stand die Taufkerze auf dem Frühstückstisch, um 6:50 Uhr noch eine Blume aus dem Garten, um 6:51 Uhr mein Sohn in der Küche. „Ihr habt’s vergessen, gell?“
Mein Sohn findet, sein Namenstag müsse so gefeiert werden wie sein Geburtstag, mindestens mit Kuchen, eigentlich mit Bürgermeister und Blaskapelle. „Holen wir nach“, versprachen wir gegen 6:53 Uhr, seine trockene Antwort: „Ja, und das vergesst ihr auch.“ Kurz überlegte ich, ob ich ihm sagen sollte, dass er vermutlich der einzige in fünf Kilometern Umkreis ist, dem um 6:51 Uhr „Zum Namenstag viel Glück“ gesungen wurde, aber ich verzichtete darauf. Er würde nicht verstehen, dass vielen ihr Namenstag ungefähr so wichtig ist wie der „Internationale Jogginghosentag“ am 21. Januar.
Nun liegt das Problem ja nicht an mangelnder Liebe. Sondern am Kalender. Unser seit 20 Jahren gepflegter Geburtstagskalender mit teils skurrilen Einträgen hat seit unserem Küchenumbau keinen festen Ort mehr – er hängt versteckt hinterm Familienkalender, dem Schlachtplan des Alltags, in dem Zahnarzttermine, Elterngespräche und die Erinnerung „Müll raus!“ stehen. Und so sind wir beim zweiten Opfer, meiner Studienfreundin K., die schon am 9. Juni Geburtstag hatte. Wir haben inzwischen telefoniert, aber hier nochmal in aller Form: „Entschuldigung! Die neue Küche ist schuld!“
Eine Lösung wäre, einen Nagel in die Wand zu schlagen und den Geburtstagskalender daran aufzuhängen – aber schön ist der Kalender tatsächlich nicht mehr. Ich könnte die Geburtstage ins Handy eintragen – aber das ist mir zu wenig emotional. Also bleibt’s dabei und beim Kramen im Gefühl und Gedächtnis: „Hm, Ende Juni, hat da nicht XY Geburtstag?“
Die treuesten Gratulanten sind ja ohnehin nicht die Geschwister, Verwandten oder die besten Freunde. An meinem Geburtstag sind die treuesten Gratulanten der Sportartikelhersteller, bei dem ich mir einmal ein Kundenprofil angelegt habe, und der Drogeriemarkt, der mir zum Geburtstag immer hartnäckiger Rabatte auf Anti-Falten-Creme anbietet. Und das ist natürlich die Lösung: Wenn ich das nächste Mal irgendwo mein Geburtsdatum eintragen muss, dann nehme ich den Namenstag meines Sohnes. Und wenn dann am 16. Juni das Hotel Müller aus Wanne-Eickel zum Geburtstag gratuliert, dann weiß ich: Heute hat mein Sohn Namenstag!
Übrigens, heute haben Peter und Paul. Alles Gute! Zum Abschluss die Zeit: Es ist 6:48 Uhr. Schnell die Taufkerzen auf den Tisch.