Angenommen, Ihr Nachbar hätte sich Anfang Mai zu einer zweimonatigen Weltreise verabschiedet und Ihnen angeboten, in dieser Zeit seinen Garten inklusive Swimmingpool und Profi-Grill zu nutzen. Sie hätten das Angebot, gerade in den zurückliegenden heißen Tagen und Nächten, sicherlich gern angenommen. Aber genauso klar wäre, dass der Nachbar, wenn er in wenigen Tagen zurückkommt, sein Reich wieder für sich haben will. Ich käme nicht im Traum auf die Idee, mich dann lauthals darüber zu beschweren, dass der böse Nachbar mich aus meinem Garten vertrieben hat.
Ähnlich ist es beim Spritpreis: Dass die Preise vorgestern nach oben geschossen sind, liegt nicht daran, dass die Mineralölkonzerne dem Kartellamt eine lange Nase drehen und in demonstrativer Einigkeit in unsere Geldbeutel greifen wollen, sondern daran, dass der von der Politik gewährte Steuernachlass namens „Tankrabatt“ auslief. Natürlich war damit zu rechnen, dass manche Tankstellen den Preis zunächst um deutlich mehr als 17 Cent hochschrauben, bevor er sich irgendwann wieder einpendelt – bestimmt über dem Ausgangsniveau, als Belohnung dafür, dass die Konzerne von den 1,6 Milliarden Steuergeld nur 200 Millionen selbst eingesteckt haben.
Eigentlich also ein ganz normaler Vorgang. Ich habe beschlossen, trotzdem Alarm zu schlagen. „Eine Unverschämtheit!“, werde ich bei jeder Gelegenheit schimpfen. „Schon wieder eine Spritpreiserhöhung, und gleich um 17 Cent! Das ist übelste Abzocke. Die Ölmultis verdienen sich auf dem Rücken der armen Bürger eine goldene Nase!“ Ich bin sicher, ich werde beifälliges Nicken ernten und schnell Mitstreiter für meinen Protest finden.
Mit etwas Glück baut sich so viel öffentlicher Druck auf, dass die Politik einlenkt und den laut Fachleuten unsinnigen Tankrabatt verlängert. In der Gastronomie hat das Prinzip ja auch funktioniert. Wir erinnern uns: Um die Betriebe in der Pandemie zu stützen, hat die Politik 2020 die Mehrwertsteuer auf Speisen und Getränke von 19 auf sieben Prozent reduziert. Als diese Vergünstigung am 31. Dezember 2023 auslief, schimpfte die Branche so lange ohne rot zu werden über diese „Steuererhöhung“, bis die Politik einknickte. Seit Jahresbeginn sind die sieben Prozent wieder amtlich – dauerhaft. Die ebenso penetrante wie dreiste Verdrehung der Tatsachen durch eine Lobbygruppe hat gewirkt. Warum sollte es bei den Spritpreisen anders sein?
Vielleicht, weil es einen kleinen, aber entscheidenden Unterschied gibt: Den Gastro-Funktionären fiel kein Politiker ins Wort, als sie ihr Märchen von der Steuererhöhung verkündeten. Ich dagegen müsste damit rechnen, schon beim Gedanken an die Vokabel „Spritpreiserhöhung“ ausgebremst zu werden: von einer lästigen Eigenschaft, die ich einfach nicht loswerde. Ich glaube, man nennt sie Anstand.