MÜNCHNER FREIHEIT

Das Paradies des Dabeigewesenseins

von Redaktion

Jetzt in der Open-Air-Saison merkt man es wieder. Nein, nicht die vollen U-Bahnen, die Bässe aus dem Olympiapark oder das Wehklagen über die perversen Preise, sondern die starke Beeinträchtigung des Stadtbilds durch pralle Nostalgie. Es soll hier bestimmt kein Greisenderblecken oder Dickenschmähen betrieben werden, aber es sei doch bemerkt, welche Tristesse manche Menschen umwabert, die Band-T-Shirts tragen. Selbstwirksamkeit ist ja eines der neueren Zauberworte. Drum sagt man’s laut und textil: „Ich war dabei. Hurra! Schaugts amal! Leider hat es nur noch Größe M gegeben, aber dafür ist das Leibchen bunt oder lustig oder beides. Und ich war dabei, falls ich das noch nicht erwähnt habe, und in ein paar Jahren werde ich noch viel dabeier gewesen sein.“

Kurz nach so einem Eventkonzert mag so ein T-Shirt gute Dienste tun. Man möchte eben eine Trophäe vorzeigen und für die eigene Verwegenheit gelobt werden. „Ich war fei letztens bei…“ – also BTS, Tote Hosen, Helene Fischer oder anderen Sympathieträgern der Saison. In manchen Fällen kann man zwischen den doch sehr wenigen Zeilen sogar noch mehr herauslesen: „Ich hab fei für Tickets, Anreise und Hotelzimmer circa 1000 Euro ausgegeben. Das dürfen ruhig alle wissen, was ich für einer bin.“ Außerdem passt man ja vielleicht noch in M. (Die Faustregel lautet übrigens: Je jünger die Band, desto M.)

Die größere Genugtuung erfolgt erst Jahre später, wenn man das T-Shirt aus der Altkleiderkiste fischt und damit – festlich angetan in M – zum Konzertbesuch der auf dem Bauch genannten Kapelle schreitet. Aber selbst wenn das Hemd mit der alten Jahreszahl inzwischen saublöd ausschaut, ist es nicht leicht, zu entscheiden, was das Stadtbild in der Open-Air-Saison stärker beeinträchtigt: Das alte Shirt oder der Gesichtsausdruck, der der Menschheit zu verstehen geben soll: „An meinem alten Leiberl sollt ihr es erkennen: Ich war fei schon vor euch allen anderen bei den Toten Hosen.“ Das ist dann der echte Triumph des wahrhaft Dabeigewesenen. Der Jean Paul hat mal gesagt: „Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht getrieben werden können.“ Ob er den Satz auch auf dem T-Shirt getragen hat, ist nicht überliefert.

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