Dieser Aufkleber befand sich auf der Heckscheibe.
Die Heckscheibe des Mercedes wurde von einem Unbekannten eingeschlagen – die Polizei geht von einer politisch motivierten Tat aus. © privat, Michaela Hartmann (2)
Daniel Mertens steht ganz schön im Regen. Er möchte seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen und hat Angst, noch einmal Opfer eines Übergriffs zu werden. Vor dem 10. Juni hat er sich darüber keine so großen Gedanken gemacht. An dem Tag fuhr er kurz mittags mit dem Auto zu Lidl und wollte schnell was einkaufen.
Als er gegen 12.45 Uhr den Supermarkt an der Freischützstraße im Stadtbezirk Bogenhausen wieder verließ, traute er seinen Augen nicht. „Meine Heckscheibe war eingeschlagen und überall lag Glas.“ Der Rentner rief sofort die Polizei. „Ich habe auch gleich mit dem Geschäftsführer vom Lidl gesprochen und gefragt, ob es eine Kameraüberwachung gibt.“ Aber auf dem Parkplatz werden lediglich von einer Firma für Parkraummanagement die Kennzeichen kurzzeitig erfasst.
„Geklaut wurde fast nichts. Mir fehlt lediglich eine billige Sonnenbrille aus einer Badetasche im Kofferraum, aber die könnte ich zuvor auch verloren haben“, berichtet Mertens. Ihm kommt schnell ein Verdacht, warum seine Scheibe eingeschlagen wurde: „Ich hatte einen Aufkleber mit hebräischen Schriftzeichen auf der Heckscheibe. Das war eine Erinnerung an den ehemaligen israelischen Präsidenten Jitzchak Rabin, der 1995 ermordet wurde.“
Mertens hatte den Aufkleber bei einem Besuch in Israel gekauft. „Darauf stand auf Hebräisch: Freund, du fehlst.“ Ein Freund hatte ihm ein paar Tage vor dem Heckscheiben-Vorfall noch geraten, den Aufkleber zu entfernen. „Eigentlich wollte ich das auch machen, aber dann war es zu spät.“
Allerdings geht Daniel Mertens nicht davon aus, dass der Vandale genau wusste, was der Schriftzug bedeutete. Zumal Jitzchak Rabin eher für einen Versöhnungsprozess im Nahen Osten stand. Vermutlich hat den Täter der hebräische Schriftzug getriggert. Mertens glaubt, dass auf dem Parkplatz jemand etwas bemerkt haben muss, und sucht nun nach Zeugen. Die zuständige Polizeidienststelle teilt auf Anfrage mit: „Bislang ergab sich kein Tatverdacht, die Ermittlungen werden gegen Unbekannt geführt. Da sich auf der Heckscheibe des Pkw ein hebräisches Zeichen befand, wird von einer politisch motivierten Tat ausgegangen.“
Die Ermittlungen werden daher vom Kommissariat 45 geführt. Dort wird politisch motivierte Kriminalität behandelt, die das Ausland betrifft. „Grundsätzlich versucht die Polizei, wenn vorhanden, Videoaufzeichnungen zu sichern“, heißt es. „Im vorliegenden Fall lag der Tatort nicht in einem videoüberwachten Bereich.“
Die Aufzeichnung der Kennzeichen erfolgt dort nur, um die Parkdauer zu berechnen. Ist der Parkvorgang bezahlt, werden die Daten laut Betreiber sofort gelöscht. Da man auf diesem Lidl-Parkplatz anderthalb Stunden kostenlos parken darf, war dieser Weg der Zeugenfindung eher unergiebig.
So bleibt Mertens nicht nur auf einem Teil der Kosten für eine neue Heckscheibe sitzen, denn sein Wagen ist lediglich teilkaskoversichert. Schwerer wiegt für ihn die „mangelnde Zivilcourage“. Denn er geht davon aus, dass jemand die Tat beobachtet hat. Auf Aufkleber am Auto wird er künftig verzichten.GABRIELE WINTER