Neulich gab es nur einen Gedanken: Wie rette ich mich vor der Hitze und habe dabei gleichzeitig Genuss? Also ab zur Kunst. Gerade die bildende ist ideal, denn sie ist meist in Räumen zu finden, die klimatisiert sind. Meine Freundin Luzia und ich entschieden uns fürs Murnauer Schlossmuseum. Ich hatte ihr von der Ausstellung über Paul Klee und seine Freundinnen und Freunde vom Blauen Reiter erzählt (und darüber in unserer Zeitung berichtet). Nichts Neues würde mich erwarten, dachte ich, aber von Klee-Werken kann ich eh nie genug bekommen. Erfreu dich einfach an dem Labsal für Körper (Kühle) und Geist (Anmut und Witz)!
Und dann gab es tatsächlich eine veritable Überraschung. Als passende Erweiterung der Klee-und-Co.-Schau erwies sich die kleine Präsentation „Die fabelhaften Alben des Alfred Mayer – Freund und Mäzen des Blauen Reiter“ im Nebenraum (bis 8. November). Auf äußerst verschlungenen Wegen und mithilfe von unglaublich glücklichen Zufällen kamen zwei Gästebücher von Mayer (1860–1932), ein Fotoalbum sowie eine Art Poesiealbum der geliebten Tochter Eva (1917–2008) ins Schlossmuseum. Ach, wären nur meine Großeltern so leidenschaftlich in die Künste und Künstler verknallt gewesen und hätten Ähnliches besessen, dann könnte ich heute in Zeichnungen und Aquarellen von Gabriele Münter über Hannah Höch bis Alexander Jawlensky schwelgen.
Schließlich überwältigte mich jedoch die viel größere Überraschung: Alfred Mayer war obendrein theaternarrisch. So verliebt er in die Musen war, so hellsichtig war er als Kritiker. Eben auch als Theaterkritiker: modern, unvoreingenommen, qualitätsbewusst. Er war befreundet mit Größen wie Max Reinhardt und Arthur Schnitzler; Berta Drews (die Mutter von Götz George) wohnte während ihrer Münchner Kammerspiele-Zeit bei ihm zur Untermiete; auf einem Foto schauen einander die Mega-Stars Tilla Durieux und Paul Wegener in die Augen. Selbst Schriftsteller-Nachwuchs wie Marieluise Fleißer bekam Mayers Aufmerksamkeit.
Ich musste dort in dem Raum des Schlossmuseums still für mich zugeben, dass ich als Münchnerin in Murnau eine bunte und vielfältige Nachhilfe in Münchner Kunstgeschichte von 1906 bis 1932 bekam. So viele Berühmtheiten auf so knappem Platz, das ist nur in Alfred Mayers Gästebüchern möglich.