MÜNCHNER FREIHEIT

Mentaltrainer gesucht

von Redaktion

„Die Kinder sollen es einmal besser haben“, so dachten bestimmt schon Adam und Eva, und so denke ich mit wachsendem Alter auch. Deshalb lese ich am Feierabend unverständliche E-Mails der Bausparkasse und deshalb bringe ich meinen Kindern Schafkopfen bei, und zwar richtig: Sie sollen es einmal besser haben. Und nicht solche Abende erleben, wie ich damals in Murnau beim Volksfest.

Deshalb kam die siebenstündige Zugfahrt am Wochenende gerade recht: kein WLAN im Zug, kein Internet, kein Handykonsum, nur Schafkopfkarten und Onkel R., der mit einer Engelsgeduld auch noch mal im siebten Stich erklärte, dass man gerade keine Wenz spiele, sondern ein Solo. Die Kinder verließen den Zug als gestählte Schafkopfer, nachdem sie ihn als Kreisklassespieler betreten hatten.

Und genau so ein Training benötige ich jetzt auch, denn für den 26. Juli steht „gegebenenfalls Schafkopfturnier“ in meinem Kalender. Ich brauche einen Mathematiker, damit ich weiß, was erfolgversprechend ist, ich brauche Mentaltrainer, damit ich den Spielstress überlebe, und wie jeder Sportler brauche ich Physiotherapeuten, damit ich vom Kartenhalten keinen Schafkopfarm bekomme. Nur dann werde ich mir zutrauen, das „gegebenenfalls“ aus meinem Kalender zu streichen und meinem Kumpel Basti zu sagen: „Ich bin dabei.“

Denn der will unbedingt mit mir teilnehmen, nix so Großes, keine Weltmeisterschaft, keine Stadthalle, nein, ein Vereinsheim. Aber schon: ein Turnier. Seine üblichen Schafkopfbrüder sind allesamt im Urlaub, so kam er auf mich: „Biergarten, Blasmusik, Schafkopf-Turnier, da müssen wir mitmachen!“ Eine sehr schöne Idee – aber für mich ein Grund zur Panik.

Denn Basti ist Schafkopf-Gott und ich bin, wenn überhaupt, Schafkopf-Jünger. Ich spiele am liebsten mit drei anderen, die es gut, aber nicht sehr gut können. Ich ratsche gerne, lache mit Begeisterung über die Fehler von mir und anderen – und ob ich am Ende gewinne oder verliere, ist mir recht wurscht, solange es nicht so ist, wie in Murnau damals. Für die ersten vier Stiche bin ich ein solider Mitspieler, dann ende ich meist eher zufällig als strahlender Sieger oder unglücklicher Verlierer. Wann immer ich ein Solo ankündige, leuchten die Augen meiner Mitspieler vor Mordlust auf, als hätten Haie Blutstropfen gewittert.

Und jetzt soll ich mitten zwischen die Haie? Wenn ich die Trainer nicht zusammenbekomme, benötige ich zumindest eine gute Ausrede. Also beispielsweise, wem ich am 26. Juli seine Schildkröte Gassi führen soll, gern melden. Und wenn ich keine Ausrede mehr finde? Dann lerne ich noch ein paar Schafkopf-Sprüche, die am Tisch für Respekt sorgen: „Raus muss a, sagt da Zahnarzt!“, so was.

Damals in Murnau hat alles nicht geholfen. Beim Stand von minus elf D-Mark meinte ich, mich mit einem Solo retten zu müssen. Es kostete mich 3 Mark 60 pro Person. Bis heute traumatisch. Die Kinder sollen es einmal besser haben. Sehr viel besser.

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