MÜNCHNER FREIHEIT

Ende Legende

von Redaktion

Als Dreijähriger dürfte ich jetzt wenigstens weinen. Aber weil ich 50 Jahre älter bin, bleibt mir nur die Kolumne. Skandal: Irgendeine höhere Macht klaut mir meine liebsten Bauklötzchen. Natürlich meine ich keine echten Bauklötzchen aus Holz, sondern jene, die mein privates München bilden.Die Taverne „Lucullus“ ist Geschichte, ebenso das „Café Zimt“ oder das „Sushi + Soul“ – und nicht zu vergessen: das „Filmtheater Sendlinger Tor“.

Am Wochenende landet das Café „Paolo e Pini“ (früher nur „Pini“) auf meiner Weinliste, also auf der Liste, die mich zum Weinen bringt. Das Café an der Klenzestraße schließt für immer. Was für ein Verlust! Bester Kaffee und feine Panini kamen dort auf die Nierentischchen, Wein zu erträglichen Preisen, manchmal auch ein Teller Pasta. Am Fenster vertiefte sich gerne mal ein Tatort-Kommissar in ein Buch. Und an der Wand erinnerte ein Schaubild an die Verkehrserziehung in den Siebzigern. Stilsicher und gemütlich ging es zu. Aber jetzt heißt es: Finito Pini!

Natürlich: Eine Stadt muss sich weiterentwickeln, sonst wird sie zum Museum.Aber wie genau sieht diese Weiterentwicklung Münchens aus? – Etwas vereinfacht gesagt: Irgendwer will mehr Geld mit einer Immobilie verdienen und kündigt den aktuellen Mietern. Und dann bekommt er Probleme mit der Wirklichkeit. Beispiel „Filmtheater Sendlinger Tor“: Hand aufs Herz! War jemand schon mal in dem altehrwürdigen Kinosaal, seit die Familie Preßmar dort keine Filme mehr zeigen darf? – Knapp anderthalb Jahre ist das Kino jetzt schon geschlossen. Ich erinnere mich lediglich an eine Zwischennutzung von vielleicht vierwöchiger Dauer und an ein paar sporadische Einsätze als Event-Location. Ansonsten wurde aus einem der schönsten Kinos der Stadt ein leerer, verschlossener und vermutlich nicht einmal gelüfteter Raum.Das nenne ich Vision.

Ähnlich das „Lucullus“: Früher etabliert als das Wohnzimmer Untergiesings. Dann: Ende Legende. Kurz darauf ein neuer Versuch unter neuem Namen, nach ein paar Monaten noch einer. Es fühlt sich an, als würde ständig das Wohnzimmer renoviert – und trotzdem bleiben alle lieber in der Küche.

Was wird aus dem „Pini“? – Es heißt, das Gebäude sei verkauft worden und solle nun umgebaut werden. Schön wär’s, wäre der Rest diesmal nicht absehbar. Gleichzeitig werde ich nervös und sorge mich: Es gibt doch dieses eine Café in Isarnähe, in dem ich so gerne Kaffee trinke und arbeite. Ich nenne sehr bewusst keinen Namen. Wer weiß, wer hier mitliest? – Womöglich ja auch derjenige, der meine Weinliste schreibt.

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