Großes Bild: Ulrich Hirmer (r.) und sein Cousin Christian. Ihr Name steht vor allem für das bekannte Modehaus in der Münchner Fußgängerzone. © Astrid Schmidhuber, Marcus Schlaf
Familie kann man sich nicht aussuchen. Gut möglich, dass dieser Satz beim Herrenmode-Händler Hirmer derzeit häufiger fällt. Ein Zerwürfnis in der Eigentümer-Familie, das eigentlich schon Geschichte sein sollte, ist nach unseren Informationen nach wie vor nicht aufgelöst. Konkret geht es um Christian Hirmer, dem 17 Prozent der Unternehmensanteile gehörten. Seit über einem Jahr war bekannt, dass er Mitte 2026 „planmäßig“ aus dem Kreis der Gesellschafter ausscheiden wird. Mit „Mitte 2026“ war der 30. Juni gemeint. Der ist seit über zwei Wochen vorbei, aber Ruhe ist nicht eingekehrt. Ganz im Gegenteil, die Familienfehde lodert weiter.
Denn: Christian Hirmer will sich nun nicht einfach zurückziehen, sondern seine Unternehmensanteile an seine Tochter übergeben. Das teilte er den Hirmer-Angestellten nach Informationen unserer Zeitung im Intranet mit. Pikant: Cousin Ulrich (50 Prozent Anteile) und Bruder Ferdinand (17 Prozent) sollen über diesen Schritt vorab nicht informiert gewesen sein. Sie waren davon ausgegangen, dass sich Christian nach langem Streit und sehr unterschiedlichen Vorstellungen über die Hirmer-Zukunft einfach aus der Firma verabschieden würde – sodass die Anteile unter den verbleibenden Gesellschaftern Ulrich, Ferdinand und dessen Schwester Annette (16 Prozent) zu verteilen wären.
Auf Anfrage unserer Zeitung an Ulrich und Ferdinand Hirmer teilt ein Sprecher mit: „Herr Dr. Christian Hirmer ist zum 30.06.2026 auf Basis eines von allen Gesellschaftern einstimmig verabschiedeten Gesellschafterbeschlusses als Gesellschafter aus den Kerngesellschaften der Hirmer Gruppe ausgeschieden.“ Der Gesellschafterkreis bestehe „nunmehr aus Herrn Ulrich Hirmer, Herrn Ferdinand Hirmer und Frau Dr. Annette Hirmer.“ Christian Hirmers Tochter wird in dieser Auflistung nicht genannt. Denn, so sehen es Ulrich und Ferdinand: Eine mögliche Anteils-Übertragung „wäre spätestens zum 30.06.2026 unwirksam geworden“.
In den Monaten und Jahren zuvor war viel Porzellan zerschlagen worden, teilweise sogar vor Gericht. Christian gegen Bruder Ferdinand und Cousin Ulrich! Das hat für Unruhe gesorgt – und tut es noch. Aus gut informierten Kreisen ist zu hören, dass man im Stammhaus zunehmend genervt ist von Christians Verhalten, insbesondere von seiner jüngsten Aktion. So mancher in der Belegschaft wünscht sich, einfach in Ruhe arbeiten zu können.
Das gilt insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Geschäfte jetzt gut laufen. Das Stammhaus in der Fußgängerzone verzeichne „seit Jahresbeginn ein konstantes Wachstum im einstelligen Bereich und entwickelt sich damit gegen den Branchentrend positiv“, so der Sprecher. Der jüngste Wasserschaden werde Schritt für Schritt behoben, in diesem Zusammenhang läuft derzeit eine Rabatt-Aktion.
Der Wirbel um die Gesellschafteranteile kommt zur Unzeit – denn gerade jetzt steht eine wichtige Entscheidung an. Erst vor Kurzem ist der Verkauf des Stammhauses geplatzt. Die Käufer-Gesellschaft des Immobilienmultis Erich Schwaiger hatte Insolvenz angemeldet. Für die Zukunft des Gebäudes gibt es daher auf einmal wieder mehrere Möglichkeiten. Möglich ist ein Verkauf an einen neuen Bieter (der wohl über 100 Millionen Euro zahlen müsste). Vielleicht könnte das Gebäude aber nun doch auch in Familienhand bleiben. Vom Hirmer-Sprecher heißt es: „Alle Optionen, egal ob Verkauf oder nicht, sichern langfristig ab, dass das Hirmer Stammhaus für sehr lange Zeit das Hirmer Stammhaus und damit die beste Adresse für Männermode in München bleibt.“ Eine Entscheidung soll bald fallen.
Wie Christian Hirmer die Lage einschätzt? Das war am Freitag nicht zu erfahren. Auf eine Anfrage unserer Redaktion reagierte er nicht.ULI HEICHELE