Zug um Zug ins Wiesn-Glück

von Redaktion

Schottenhamel: Zeltaufbau nach Wochen des Bangens

Seit vielen Jahren ist Roger beim Zeltaufbau dabei.

Schon seit 1867 steht die Schottenhamel-Festhalle auf der Wiesn. Nächstes Jahr ist 160-jähriges Jubiläum.

Ziehen an einem Strang: Christian (re.) und Konstantin Schottenhamel. © Fotos: Achim Schmidt

Kurz nach Mittag auf der Theresienwiese: Über dem Schottenhamel-Wiesnzelt geht die Sonne auf. Zumindest sieht es so aus, wenn die Wirte Christian und Konstantin Schottenhamel an den beiden Seilen zerren. Denn dann wandert ein orangefarbenes Stück Stoff Meter für Meter auf das Gerippe ihres Zelts. Die orangefarbene Plane bildet das Dach der Festhalle. „Das ist der emotionalste Moment für mich beim Aufbau“, sagt Christian Schottenhamel. Und heuer noch ein Stück mehr – schließlich war wegen des Streits um die Zeltvergabe monatelang unklar, ob seine Familie aufbauen darf. Doch jetzt wachsen die Biertempel in die Höhe. Zug um Zug ins Wiesn-Glück!

Der Grund für das Bangen war Alexander Egger. Der Wirt des kleinen Zelts Münchner Stubn bewarb sich auch um zwei große Zeltplätze für 2026: Paulaner und Schottenhamel. Durch einen Eilantrag blockierte er bis 19. Juni den Zuschlag der Stadt mit den Wirten. Nach Eggers Sicht haben Neulinge kaum Chancen auf ein großes Zelt. Er greift deshalb das Vergabesystem der Stadt an und brachte eine EU-weite Ausschreibung ins Gespräch. Am 11. September, rund eine Woche vor dem Anzapfen, wird vor dem Bayerischen Obersten Landesgericht über die Zukunft der Wiesn verhandelt. Je nach Ergebnis könnten für 2027 dann schon neue Regeln gelten.

Die Schottenhamel-Festhalle steht seit 1867 auf der Wiesn. Konstantin (34) gehört mit seinen Schwestern Karoline (38) und Stephanie (36) zur fünften Generation. Karoline leitet den Service, Stephanie kümmert sich mit Christians Schwester Angela (60) ums Personal. Michael F. Schottenhamel ist fürs Büro und die Finanzen zuständig. „Ich kümmere mich um die Abläufe im Zelt – und ich bin so was wie die Feuerwehr für spontane Brände“, grinst Konstantin. Einkauf, Küche, Speisekarte und Reservierungsmanagement zählen zu Christian Schottenhamels Aufgaben. „Das Zelt ist ein Familienbetrieb. Es ist unser Leben.“

Dann rattert Roger mit seinem roten Gabelstapler durch den Zeltrohbau. Der 62-Jährige, der bei der Firma Pletschacher arbeitet, koordiniert den Schottenhamel-Aufbau seit 13 oder 14 Jahren. So genau weiß er das nicht. „Mir war irgendwie klar, dass wir das Zelt heuer hinstellen können“, sagt er. Er habe den Schottenhamels und der städtischen Vergabe vertraut. Die Wirtefamilie war derweil nicht so gelassen. Christian Schottenhamel bekennt: „Wir hatten wirklich Bedenken, dass das Gericht nach unserer Ansicht falsch entscheidet.“ Das Zelt begleite ihn ein Leben lang. „Ich saß schon als kleiner Junge auf’m Fassl, ich hab in der Schenke gearbeitet, in der Küche mitgeholfen. Und für mich ist der Jahreswechsel eigentlich nicht Silvester, sondern dann, wenn der Oberbürgermeister sagt: ‚O’zapft is!‘“

Der Rechtsstreit mit Alexander Egger ist für ihn mehr als eine wirtschaftliche Bedrohung. „Das hätten wir nicht erwartet. Dass er ausgerechnet das bedeutendste Zelt angreift, ist moralisch für mich nicht vertretbar.“ Für ihn widerspricht das einem ungeschriebenen Ehrenkodex unter Wiesn-Wirten, wonach man sich gegenseitig hilft. „Ich weiß nicht, ob das noch so wäre, wenn durch eine europaweite Ausschreibung Wirte und Beschicker aus aller Welt auf die Wiesn kommen könnten“, so Konstantin Schottenhamel. Für das kommende Oktoberfest braucht es keine Antwort darauf. Da steht die Schottenhamel-Festhalle g‘wieß.REGINA MITTERMEIER

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