Es gibt Begriffe, die verwendet man in der echten Sprache nicht, sondern nur in der professionellen. Kein Mensch sagt: „Morgen kommt die städtische Müllentsorgung“, sondern er redet von der Müllabfuhr. Keiner lobt im Biergarten die „würzige Käsezubereitung“, sondern einfach den „Obazdn“. Und keiner sagt: „Na, das kommt aber zur Unzeit!“ sondern eher „Kruzifix!“ oder Vergleichbares.
In der großen Welt kommt aber einiges zur Unzeit: Die schöne Popmusik-Veranstaltung am Sonntag in den USA wurde zur Unzeit von Fußball unterbrochen, in der Berliner Politik hat es zur Unzeit gepoltert und zuletzt las ich, dass sich eine Stadtratsfraktion aufregt, dass eine Baustelle im Münchner Norden „zur Unzeit“ komme. Ich dachte an die vielen Unzeiten in meinem Leben: Wenn ich nachts um drei meine schlafverweigernde Tochter durchs Haus trug, sagte ich nicht: „Dein Wunsch, dir etwas vorzusingen, kommt jetzt zur Unzeit“, sondern ich murmelte: „Kruzifix, ich kann nicht mehr.“
Mein Sohn ist aktuell der König der Unzeit. Denn ausgerechnet an diesem Wochenende, einen Tag vor Ende der WM, hat er entschieden, Fußballbilder zu sammeln. Einen Tag vor dem Ende anzufangen, zu sammeln, ist in etwa so, als würde ich am Tag vor Mariä Lichtmess den Christbaum aufstellen. „Lohnt sich das noch …?“, fragte ich vorsichtig. Er: „Es macht Spaß, zu sammeln und zu tauschen, und außerdem habe ich noch Taschengeld übrig.“ So reich möchte ich einmal sein: Denn das Sammelalbum hat Platz für sage und schreibe 980 Bilder. „Wie viel hast Du denn schon?“, fragte ich noch vorsichtiger. „Ich habe bisher sieben.“
Ich fragte weiter, ob es nicht sinnvoller wäre, etwas zu sammeln, was in die Zukunft gerichtet ist und suchte im Internet. Die Weltmeisterschaften der Rhythmischen Sportgymnastik finden im August in Deutschland statt. Mein Sohn reagierte mittelbegeistert. Und Sammelbildchen gibt es dafür ohnehin nicht. Also bleibt nichts als die Fußball-WM, die halt leider aus ist. Gut für mich: Ich konnte ihm stolz meine Alben der WM 1986 und 1990 zeigen, mit denen ich übrigens einmal begraben werden möchte.
Kurzer Hinweis zur Unzeit: In fünf Monaten ist Winteranfang! Deshalb werde ich in den nächsten Tagen im Nikolausgewand durch die Straßen ziehen. Die langweiligen Erwachsenen werden so tun, als wäre nichts, nur die Kinder werden sich trauen, zu sagen: „Ui, ein Nikolaus! Weißt Du denn nicht, dass Sommer ist?“ Und dann werde ich etwas sagen wie: „Ich weiß, ich komme zu Unzeit, aber die Welt ist in einem so miserablen Zustand, dass ich schon jetzt vom Himmel …“ Und so weiter.
Wenn Sie heute bei der Zeitungslektüre durch den Hinweis gestört werden, dass die städtische Müllentsorgung kommt, wissen Sie ja, was Sie sagen müssen. Nicht „Kruzifix!“, sondern ganz höflich: „Entschuldigung, Schatz, das kommt jetzt zur Unzeit.“