Meine erste Reaktion: Wusst‘ ich’s doch. Die zweite: Entsetzen. Was war passiert? Die Polizei hatte zum großen Radlfahrer-Kontroll-Halali an einer durchaus gefährlichen Kreuzung in Berg am Laim geblasen. Und die Kulis glühten. Weil mehr als die Hälfte der 300 kontrollierten Radler bei Rot über die Ampel düste. Denn während der gemeine Autofahrer bei Rotlicht sich pflichtbewusst eine kurze Auszeit gönnt und Fußgänger demütig am Bordstein verharren, zünden viele Münchner Radler den Turbo. Grad so, als wären Ampelanlagen nur ein nettes Stimmungslicht. Ich frage mich ja schon, ob Fahrräder eine eingebaute Immunität gegen die Straßenverkehrsordnung besitzen. Erinnern Sie sich noch an den alten Spruch von den Autos „mit eingebauter Vorfahrt“? Meine Oma bot meinem Vater damals ernsthaft einen Zuschuss an, damit er sich auch so ein Vorteilsmodell anschaffen kann.
In der urbanen Moderne scheint‘s diese eingebaute Vorfahrt nun für Fahrräder zu geben. Heißt es vielleicht Pedalritter, weil man eine unkaputtbare – und unsichtbare – Rüstung trägt? Aber es kostet halt kinetische Energie. Einfach ausgedrückt: Wer bremst, verliert – an Karma und an Schwung. Um wieder in den „Flow“ zu kommen, muss man mühsam in die Pedale treten. Also bitte! Einem umweltbewussten Großstädter in seiner hautengen Lycra-Funktionskleidung à la Tour de France ist es doch wirklich nicht zuzumuten, seine Muskelkraft bei solch einem profanen Stopp derart zu vergeuden. Dann doch lieber die dynamische Nahkampf- bzw. Nahtod-Begegnung mit SUV oder Linienbus.
Außerdem könnte ein abruptes Abbremsen die edlen Carbon-Bremsscheiben des teuren Zweirads deformieren. Bei der Lastenrad-Fraktion brauchen die Kinder, alternativ der Hund, im Körbchen die beruhigende Schaukelwirkung, sonst ist die Work-Life-Balance gefährdet. Oder wie es schon vor rund 170 Jahren ein berühmter Münchner formulierte, der verboten schnell im damaligen Verkehr unterwegs war: Wer ko, der ko! Warum kapiert das denn niemand: Wer mit seinem Verkehrsverhalten das Klima rettet, der wird ja wohl über eine rote Ampel fahren dürfen.
Ein echter Affront für die Rotlicht-Radler ist jedoch nicht das verhängte Bußgeld, sondern vor allem der Punkt in Flensburg. Eine Bestrafung in der Währung der Autofahrer! Das entspricht doch wirklich nicht mehr dem Zeitgeist. Also Schluss mit solch nervigen Kontrollen! Außerdem: Den meisten Münchner war’s ja eh klar.