Kokain-Alarm in München

von Redaktion

Drogen-Flut: Ermittler sprechen von „Zeitenwende“

München wird mit Kokain geflutet. Dadurch ist der Grammpreis inzwischen auf rund 68 Euro gesunken. © imago, Sigi Jantz

Acht Kilo war die größte abgefangene Kokslieferung bis 2023 (Foto). Heute sind es bis zu 28 Kilo. © Peter Kneffel/dpa

Immer mehr, immer günstiger, immer schlimmer: Kokain wird in München zur XXL-Gefahr. Die Staatsanwaltschaft München I spricht aktuell sogar von einer „Zeitenwende“ in Bezug auf die Droge. In München und Bayern gebe es aktuell eine „deutlich wahrnehmbare Kokainschwemme“, erklärt der ermittelnde Staatsanwalt Dr. Jakob Schmidkonz (41).

Das lässt sich in München auch an den Zahlen ablesen: 2025 gab es 140 illegale Handelsdelikte mit Betäubungsmitteln im Bereich des Polizeipräsidiums – 104 davon mit Kokain. „Das entspricht einem Anteil von 74 Prozent“, sagt Schmidkonz. 2021 lag der Anteil noch bei 26 Prozent. Gleichzeitig wissen die Behörden um „ein wahnsinnig hohes Dunkelfeld“ bei Koks-Verstößen.

Denn: In den vergangenen Jahren habe sich der Drogenmarkt „massiv verändert“. Kartelle in Südamerika haben ihre „Logistik sehr stark ausgebaut und optimiert“, sagt Schmidkonz. Die USA und Südamerika sind mit Kokain „komplett überlaufen“.

Der Hintergrund: 2024 gab es weltweit Rekordproduktion für Kokain – allen voran in Ländern wie Kolumbien, Bolivien und Ecuador. Einer der Hauptabnehmer waren früher die USA, dort fiel der Preis zuletzt auf nur noch 30 Dollar pro Gramm. Die Nachfrage dort sinke, zeitgleich werde aber mehr Kokain produziert, die Erntezyklen der Koka-Pflanze verändert – und die Droge durch Forschung weiterentwickelt. „So hat man Deutschland für sich entdeckt. Wir werden mit Massen und Mengen an Kokain geflutet, die vor fünf Jahren noch unvorstellbar waren“, sagt der Staatsanwalt.

Der Preis pro Gramm sank von 93,10 Euro im Jahr 2021 auf 68,13 Euro. Weil auch der Wirkstoffgehalt stark steige, gebe es immer mehr Drogentote: 250 bayernweit im vergangenen Jahr, 41 davon in München – 20 durch Kokain. Bitter: Die Hälfte davon war unter 35 Jahre alt. Das Durchschnittsalter sei „deutlich gesunken“, sagt Schmidkonz. „Wir werden bald vom Killer Nummer 1 sprechen.“ Auch, weil immer weniger Heroin produziert wird.

Die Erfolge der Ermittler: Koks-Lieferungen im Bereich von 22 und 28 Kilo wurden in den vergangenen Monaten abgefangen. „Im Hellfeld haben wir eine gute Aufklärungsquote“, sagt Schmidkonz. Aber die Lage weitet sich aus. „Feststellbar ist insbesondere eine zunehmende Professionalisierung der Tätergruppierungen hinsichtlich ihres technischen Equipments.“ Lieferungen, Zahlungsverkehr und Waffen: Kriminelle werden immer professioneller. Massive Anstiege gebe es deshalb auch beim bewaffneten Drogenhandel. „Eine bedenkliche Entwicklung“, sagt Schmidkonz.

Dazu kommt: Früher lief der Kokainhandel weitestgehend über Italien. Heute „verhandeln Anbieter aus Deutschland direkt mit den Kartellen in Südamerika“, weiß der Staatsanwalt. Dort seien „belastbare Geschäftsbeziehungen entstanden“. Ein solcher Täter steht im August vor Gericht – er hatte laut Anklage 123 Kilo Koks in München verkauft.THI

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