MÜNCHNER FREIHEIT

Zum Wechsel berufen

von Redaktion

Die Deutschen, so habe ich dieser Tage gelesen, wechseln immer häufiger den Beruf. Ich vermute: nicht immer freiwillig. Womöglich macht sich der eine oder die andere auf zu neuen Ufern, weil die alten Gestade von der Flut der Veränderung fortgerissen worden sind. Ich habe das in meinem beruflichen Umfeld selbst miterlebt: Schriftsetzer waren einst hochqualifizierte Spezialisten, deren Finger atemberaubend schnell auf den Tastaturen der Bleisatz-Maschinen Rock’n’Roll tanzten. Und während sich die Metallbuchstaben klimpernd zu Wörtern, Zeilen und Absätzen fügten, wussten die Setzer mit geschultem Auge schon im Voraus, wo sie Wörter trennen oder auseinandertreiben mussten, um ein paar Zeilen weiter ein hässliches Loch im Schriftbild zu vermeiden. Der Computer hat diese Aufgabe in den Achtzigern binnen weniger Jahre übernommen. Die Setzer wurden in den Ruhestand geschickt oder mit neuen Aufgaben betraut – die ein paar Jahre später auch schon wieder obsolet waren.

Ähnlich mag es den Heerscharen von Fotolaboranten gegangen sein, die sich Jahr für Jahr durch Berge analoger Urlaubsfilme kämpften, damit die Abzüge möglichst schnell im Drogeriemarkt zum Abholen bereitlagen. Mit jeder Woche Wartezeit nämlich stieg die Gefahr, dass Kreuzfahrt-Heimkehrer sich heillos darüber zerstritten, ob dieser Sonnenuntergang nun auf der Terrasse der netten Bar in Barcelona fotografiert worden ist oder doch drei Tage später in Palermo. Heute spült ein einziger Urlaub hunderte Sonnenuntergänge aufs Handy, denen kein Laborant mehr Stimmung einhauchen muss, und die GPS-Daten werden gleich mitgeliefert. Besser sind die Bilder leider nicht geworden, weil – kost ja nix – kein Gedanke an teures Filmmaterial mehr zu sorgfältiger Motivwahl mahnt.

Auch Videothekare und Datenerfasser sind Geschichte, und die KI droht ganze Berufsgruppen zu ersetzen. Einzig das Handwerk ist auf dem besten Weg, sich den sprichwörtlichen goldenen Boden zurückzuerobern. Wenn im Winter bei zehn Grad minus die Heizung streikt, hilft halt keine KI.

Alle anderen müssen umschulen. Besagte Fotolaboranten könnten – Labor ist Labor – in der Pharmabranche neue Aufgaben finden. Imker, denen das Bienensterben den Job verhagelt, dürften in der boomenden Rüstungsindustrie willkommen sein. Schließlich kennen sie sich mit Drohnen aus. Zirkusdompteuren, die vor immer neuen Auflagen bei der Wildtierhaltung kapitulieren, bietet sich ein Wechsel in Erziehungsberufe an. Die dort geforderten Qualifikationen – Furchtlosigkeit, Nervenstärke und Durchsetzungsvermögen – bringen sie mit.

Besonders einfach haben es Politiker: Wenn sie Mandat oder Ministeramt verlieren, dürfen sie auf einen Aufsichtsratsposten, einen Beratervertrag oder wenigstens einen Job im Bahnvorstand hoffen. Dazu braucht’s nicht einmal eine Umschulung.

Und Rentner? Die können und wissen bekanntlich alles, und zwar meistens besser. Aber sie haben keine Zeit. Das wird schwierig mit der Neuvermittlung. Sie sind also gut beraten, im alten Beruf noch ein bisserl weiterzuarbeiten. Zum Beispiel mit einer wöchentlichen Glosse im Münchner Merkur.

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