MÜNCHNER FREIHEIT

Der Jammerlappen muss verreisen

von Redaktion

Zum Ferienbeginn eine warnende Statistik: Die meisten Scheidungen werden nach dem Urlaub eingereicht. Mit Blick auf meinen Freundeskreis möchte ich ergänzen: Ich kann das gut verstehen. Denn kaum nahen die Wochen, die sicherlich nur scherzhaft die „schönste Zeit des Jahres“ genannt werden, fangen meine Freunde an zu spinnen.

„Urlaub? Muss das denn sein?“, fragt beispielsweise Tobi. Und dann argumentiert er. Tobi findet, die 9,3 Millionen Gäste, die im Jahr 2025 für 19,7 Millionen Übernachtungen in München gesorgt haben, können sich nicht irren. In München ist es eben doch am schönsten. Die Regentage werden immer weniger, die Sonnenstunden mehr. Der warme Süden, das sind wir doch mittlerweile selbst. Eigentlich fällt Tobi nur noch ein einziger Grund ein, nach Italien zu reisen, nämlich: In den Cafés ist der Espresso billiger. Aber das ist ja nun wirklich kein schlagkräftiges Argument.

In Wahrheit hat Tobi Angst vor dem Reisen. Wobei man präzisieren muss: Fort zu sein, ist nicht so schlimm für ihn, hinzufahren dagegen schon. Tobi hat nicht die Nerven für den Stau am Irschenberg oder für die Schlange vor der Sicherheitskontrolle am Flughafen. Allein in den Zügen der Deutschen Bahn kann er entspannen. Blöderweise schläft er dort aber ein und verwandelt das Ruheabteil in ein Sägewerk. Eine Reise als Ruhestörer macht wenig Spaß, vor allem beim Aussteigen, wenn alle Mitreisenden die Geräuschquelle zum Abschied noch einmal so richtig verächtlich anschauen. Dass kein Mensch auf der Welt absichtlich schnarcht, wird in solchen Situationen leider oft vergessen und von Friedensforschern ignoriert.

Tobis großes Glück ist: Wenn er vor dem Urlaub jammert, stellt seine Frau auf Durchzug. Eine gelegentliche Schwerhörigkeit ist, nebenbei bemerkt, ohnehin ein sehr gutes Rezept für eine glückliche Ehe – und bewahrt auch Tobi davor, nach dem Familienurlaub direkt zum Familienrechtler weiterfahren zu müssen. Tobis Frau kennt ihn gut genug, um zu wissen: Spätestens am zweiten Urlaubstag will er nicht mehr heim. Denn in München sind die Menschen überspannt und das Leben sauteuer. Die 9,3 Millionen Gäste aus dem letzten Jahr haben sich getäuscht. Die kommen sicherlich kein zweites Mal, und das zu Recht. In der Regel reicht Tobis Frau ein einziger Satz, um den Hobby-Südländer wieder einzunorden: „Schatz, ich hab‘ einen Wiesntisch.“ Und verblüffend: Plötzlich will er dann doch wieder nach Hause.

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